Gundermann ➥ Weggefährten ➥ Grit Lemke
Grit Lemke ist Filmemacherin („GUNDERMANN REVIER“, „Bei uns heißt sie Hanka“) und Autorin („Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror“).
Was
hat Gundi für dich bedeutet?
Sehr viel, das kann man eigentlich gar nicht hoch genug
schätzen. Was er uns allen vorgelebt hat: Dass man seine Welt gestalten
kann und nicht abhaut, sich nicht abwendet. Dass man Verantwortung
übernehmen muss, sich einbringen und gestalten muss und kann. Nicht in
die Weite ziehen, sondern in der Tiefe graben. Das ist auch sowas, was
zu hundert Prozent für meine künstlerische Arbeit gilt. Auch so eine
Bedingungslosigkeit, so eine Furchtlosigkeit, das waren schon Dinge, wo
er mich sehr, sehr beeinflusst hat. Dass Größe nichts mit der Größe der
Stadt zu tun hat oder mit der Größe der künstlerischen Einrichtung,
dass man in so einem kleinen FMP sitzen kann und dort große Kunst
macht. Das hat uns alle sehr beeinflusst.
Du
kanntest ihn relativ früh schon?
Ja, schon als Kind. Wie das in so'ner Kleinstadt halt ist, da kennt man
eben Leute. Und er war ja auch so'n bisschen auffällig, er entsprach
jetzt nicht so diesem Typ des coolen Jungen, der sah eben ein bisschen
anders aus. Da hatte ich ihn schon irgendwie in der Stadt wahrgenommen,
und später hat dann meine Mutter im gleichen Betrieb gearbeitet. Ich
habe zu Hause gehört, was der Kollege Gundermann schon wieder
angestellt hat, da habe ich schon mitgekriegt, dass er ein sehr
widerständiger Typ war und dass man ihn auch schlecht beschützen
konnte. Also bevor ich ihn persönlich kannte, hatte ich schon eine
ziemlich genaue Vorstellung davon, wer er ist.
Mochte
deine Mutter ihn?
Ja, sehr. Später hat sie dann mit Conny zusammengearbeitet, und dann
gab's da auch sozusagen eine familiäre Bekanntschaft. Ich selber habe
ihn kennengelernt, als ich so fünfzehn, sechzehn war, da bin ich immer
zu Schreibwerkstätten gefahren, da war er auch. Wir haben viel
diskutiert, über Gott und die Welt. Da saß man dann abends lange in
irgendwelchen Kellerbars und hat die Welt gerettet. Seitdem kannte ich
ihn persönlich, und später dann die ganze Brigade Feuerstein. Man ist
ja an denen nicht vorbeigekommen in der Stadt, wenn man sich ein
bisschen für Kultur interessiert hat. Und von da an, wo ich zum FMP
gegangen bin, so ab achtzehn, neunzehn ungefähr, kannte man die
eigentlich alle.
Wie
hast du das erlebt, Gundi zur Wende und Gundi dann danach. Es war ja
für alle ein Bruch, für ihn ja auch.
Vor allen Dingen ist das für uns „Gundi mit der Brigade Feuerstein“ und
„Gundi ohne die Brigade Feuerstein“. Ich glaube, dass die sich da
aufgelöst und getrennt haben, das war für uns alle richtig schlimm, wie
wenn Eltern sich trennen, tatsächlich. Da gab's viele Querelen,
unschöne Auseinandersetzungen. Wie tief der Riss wirklich war, habe ich
erst mitgekriegt, als ich für den Film recherchiert und die
Gundermann-Schaltzentrale gemacht habe. Der ausschlaggebende Punkt war
die Platte „Männer, Frauen und Maschinen“. Das war ein superwichtiges
Programm, das hat er mit der Feuerstein-Band gemacht. Die sind in
Frankfurt bei den Chanson-Tagen aufgetreten, da sind wir alle
hingefahren, um die zu unterstützen. Wir haben uns ins
Jugendtourist-Hotel reingeschlichen, bei irgendwem im Zimmer
übernachtet, wir hatten ja kein Geld. Dann haben die tatsächlich
gewonnen, er konnte die Platte machen – und das war der Anfang von der
Solokarriere. Im Prinzip war das schon klar, also man hat ihm den
größeren Rahmen gewünscht und auch gesehen, dass er den gebraucht hat.
Ich war dann in Leipzig, man hat sich nicht mehr so oft gesehen. Er hat
mit anderen Bands Konzerte gegeben, und das war dann schon ein sehr
anderes Gefühl, wenn man ihn sehen wollte: Da musste man sich auf
einmal in so'ner Reihe anstellen, mit lauter Fans! Und ich bin ja kein
Fan, ich würde mich heute auch nicht so bezeichnen. Fan ist was
anderes. Da stand man auf einmal so in so'ner Reihe… Dass da Leute
waren, die ihn richtig verehrt haben, das war schon ein komisches
Gefühl. Wir haben auch immer noch weiter geredet. Ich fand jetzt auch
nicht alles, was er gemacht hat, gleich gut. Es gab zwischendurch
Lieder, wo er für meine Begriffe an der Oberfläche geblieben ist. Das
habe ich ihm natürlich gesagt, und wir haben so wie in den ersten
Jahren sehr heftig über alles diskutiert. Wir waren nicht immer einer
Meinung. Daran hat sich nichts geändert. Er hat sich aber nie irgendwie
zum Negativen verändert, überhaupt nicht, der hatte nicht sowas wie
Starallüren, oder dass wir 'nen anderen Umgang gehabt hätten, null. Es
war eher so, dass er, wie Conny im Film sagt, mit den Jahren weicher
geworden ist. Er war nicht mehr so verhärtet, er ist immer angenehmer
geworden als Mensch. Er war vorher eben sehr kantig, er war ja kein
„Everybody's Darling“, das wollte er auch nicht sein. Er hatte sich
schon verändert, aber überhaupt nicht zum Negativen.
Und
was von dem, was ihr damals gemacht habt, lebt heute noch?
Was wir gemacht haben, wir in Hoyerswerda, oder was meinst du?
Ja,
was aus der Zeit anders gewesen wäre, wenn es Gundi nicht gegeben hätte.
Alles, wirklich, der war schon der Motor. Aber man muss dabei immer
sehen, dass auch Gundi ohne Hoyerswerda nicht das geworden wäre, was er
war. Ich meine, man muss immer an die Geschichte denken, an diese
Schule im WK VIII: Da gab's diese Musiklehrerin Frau Söhnel, legendäre
Gestalt in Hoyerswerda. Die hatte sich in den Kopf gesetzt, dass bei
ihr jedes Kind Gitarre lernen konnte. Das sind ja alles Arbeiterkinder
gewesen, das wäre heute unvorstellbar. Die konnten Gitarre lernen und
Frau Söhnel hat diesen Singeklub gegründet. Dort hat Gundermann
angefangen, Musik zu machen – das darf man nicht vergessen.
Oder dass die einen Klub gründen wollen und dann kriegen die von der
Stadt diesen Raum, der dann später der FMP wurde, der ja unser aller
Leben und die ganze Stadt geändert hat. Also Gundi hat ganz viel
angestoßen, der hat 'ne Saat rein gelegt – aber der Boden dafür muss
eben da sein. Heute haben solche Leute es ungleich schwerer. In den
letzten Jahren haben Jugendliche in Hoyerswerda versucht, einen Klub zu
gründen. Die haben Jahre gebraucht, und es war fast nicht möglich.
Jetzt haben sie zwar ihren Klub, aber es ist eben auch nicht so einer,
wie wir sie hatten, wo wir jeden Tag hingehen und da machen konnten,
was wir wollten. Wir mussten das auch nicht selbst finanzieren, da hat
die Stadt einen Klubleiter eingestellt. Und das waren Leute wie Hugo
aus der Brigade Feuerstein, was eben auch so eine superkreative
Grundstimmung bewirkt hat. Man hatte da sein Zuhause, die Leute waren
wie eine Familie, und das sind sie bis heute. Das wäre schon eine
Antwort auf die Frage, was geblieben ist. Diese Art von Wahlfamilie,
die ist absolut geblieben. Ohne Gundi wäre das sicher nicht so
geworden: dieser Gedanke des Selbermachens, selber Stücke schreiben,
was wir dann auch gemacht haben. Das waren allerdings ganz andere
Sachen als die Brigade Feuerstein machte, wir haben auch andere Musik
gehört. Wir waren schon eine andere Generation, aber wir sind durch
diese Schule gegangen: Du musst das hier selber machen, du musst das
aus dir rausholen, und du kannst das auch aus dir rausholen, weil, das
ist in jedem drin. Das war sicherlich so ein Grundgedanke, der kam auch
von Gundi. Für mich sind die Feuersteine meine großen Helden. Im
Gegensatz zu Gundi hatten die alle schon Familie und Kinder, haben in
Schichten gearbeitet und trotzdem dieses Projekt Feuerstein
durchgezogen. Das war der eigentliche utopische Entwurf, den hätte er
alleine nicht machen können. Da gab's einfach Leute, die mitgezogen
haben. Das muss man auch sehen: Selbst wenn's den Gundi nicht gegeben
hätte, hätte es vielleicht die Brigade Feuerstein gegeben – aber dann
hätten die auch nicht das gemacht, was sie gemacht haben. Er war schon
der Motor, aber er war nicht allein.
Deswegen
kamen wir ja auch auf die Idee mit den Weggefährten.
Das ist eigentlich genau wirklich…
…
das, was dazu gehört…
Total.
Was
nicht untergehen und nicht verloren gehen soll.
Das stimmt. Eigentlich ein guter Gedanke. Das Kollektiv ist ja was, das
für die DDR steht und für Hoyerswerda im Besonderen, und das war auch
das Prinzip von Gundi. Er war zwar auch als Solokünstler unterwegs,
aber hat eben auch ganz viel mit anderen Leuten zusammen gemacht, von
der Brigade Feuerstein bis zu seinen ganzen Bands, den Silly-Leute, den
Wilderern, der Seilschaft. Ich glaube, er hatte ein starkes
Künstler-Ego, aber dieser Kollektivgedanke war auch ganz stark drin.
Ja.
Das hat er gelebt.
Auf jeden Fall. Und sein Arbeitskollektiv hat eine große Rolle
gespielt. Wie ihm das gefehlt hat, als es zu Ende war. Wobei er ja auch
umstritten war im Tagebau. Trotzdem war es ihm total wichtig, auch in
diesem Kollektiv aufgehoben zu sein.
Was
würdest du aus heutiger Sicht mit Gundis Ideen anders machen?
Naja zum Beispiel das Kollektiv, aber das ist etwas, was wir uns in
Hoyerswerda ein bisschen bewahrt haben, dieses: Sich eine Gemeinschaft
zu suchen, mit der man einen utopischen Entwurf verwirklichen kann.
Also an die große gesellschaftliche Umwälzung glaube ich gar nicht mehr
so, aber dass man im Kleinen, also dass wir in Hoyerswerda das schaffen
können, im einzelnen Dinge zu verändern. Und ansonsten natürlich auch
das kühne Denken, und das Denken in Visionen, und ohne Denkverbote, der
hat ja Anfang der Neunziger schon gesagt: „Das Wort Verbrauch ist zu
streichen.“ Und auch, dass hier erst Land in Sicht sein wird, wenn die
Probleme in Afrika gelöst sind und die Afrikaner sonst zu uns kommen
werden. Also der hat ja Dinge ausgesprochen, an die vor dreißig Jahren
niemand gedacht hat. Der hatte auch immer gleich 'ne Lösung gesucht,
das würde ich gerne mitnehmen: Dieses furchtlose Nachdenken über die
Zukunft, sich 'n Kopp machen darüber, Vorschläge machen, und auch
bereit sein, selber was zu tun. Und wenn mich was ankotzt, dann muss
ich's ändern. So.
Man kann ja selbst in seinem Leben mit ganz vielen Dingen anfangen –
und schon dazu sind viele Leute nicht bereit. Das hat Gundi konsequent
gemacht, kein Fleisch mehr gegessen, versucht, sich da irgendwie mit
alternativen Methoden sein Badewasser warm zu machen. Also es kann
jetzt nicht jeder ein schwarzes Rohr in seinem Garten aufstellen, aber
dieses: Ich denke mal darüber nach und ich fang einfach mal bei mir an.
Das vermisse ich bei vielen Leuten. Also alles auf Die-da-oben zu
schieben, die Schuld und die Verantwortung und alles sind immer
Die-da-oben – das ist dem Gundi-Denken diametral entgegengesetzt.
Und
was ist dir heute in deinem Leben wichtig?
Naja, ich versuche ja schon, mich an ganz vielen Stellen einzubringen.
Ich mach viel an gesellschaftlicher Arbeit, das ist mir schon wichtig,
genau dieses Gestalten, das versuch ich schon. Aber das ist eben
leichter in lokalen Zusammenhängen. Sowas wie Gleichheit, oder
Chancengleichheit, auch diskriminierungsfreie Räume, ist mir total
wichtig. Das betrifft natürlich auch Frauen – gerade in der Lausitz,
die immer noch komplett männerdominiert ist. Ansonsten geht’s viel um
Ostdeutschland, darum, wie mit uns umgegangen und wie über uns geredet
wird. Es geht auch um sorbische Identität, da geht's auch um
Gleichwertigkeit – das ist was, womit ich mich viel beschäftige.
Ich
hab's auch schon gehört in Hoyerswerda, dass jemand sagt: Gundermann?
Hör mir mit dem auf!
Stimmt, ganz viele sagen das, auch viele, die mit ihm in der Kohle
gearbeitet haben. Dann wird behauptet, der hätte ja gar nicht richtig
gearbeitet und sowas. Angeblich haben die alle mit ihm auf dem Bagger
gesessen. Da denke ich oft, nee, das kann irgendwie nicht stimmen. Er
war da natürlich so'n bunter Vogel, er war anders als der Rest der
Kumpel. Gleichzeitig kennen alle seine Musik. Ich weiß noch, als der
Bürgerchor das erste Konzert hatte, war der Saal voll. Da waren
definitiv Leute, die wirklich mit ihm gearbeitet haben. Viele waren
auch da, weil Verwandte von ihnen im Chor waren, und alle haben die
Lieder mitgesungen, alle kannten die Texte. Da hab ich gedacht, so
Scheiße könnt' ihr ihn nicht finden, wie ihr immer tut. Ich glaub auch,
dass alle die Lieder kennen, und dass die alle heimlich die CDs zu
Hause haben. Mit Sicherheit.
Bei allem Guten, das man über Hoyerswerda sagen kann, muss man aber
auch sagen, dass jeder und jede, die anders sind, es schwer haben. Es
gibt auch eine schwierige, nivellierende, einschränkende Seite des
Kollektivs. Die war und ist in Hoyerswerda stark ausgeprägt. Jede und
jeder, die irgendwie anders waren, für die war es schwierig – sei es
eine andere Hautfarbe, andere sexuelle Orientierung – oder man hat
sich nur anders gekleidet. Und dann ist da so ein Gundermann, der kommt
mit seinem Geigenkasten in den Tagebau.
Und dann kommt eben die Stasi-Geschichte dazu. Die Ablehnung deswegen
kommt ganz stark aus der CDU- und AfD-Ecke. Es sollte zum Beispiel eine
Schule nach ihm benannt werden. Die Schulleitung hatte eine
Veranstaltung initiiert, wo es auch um die Stasi-Geschichte ging. Die
ist schon wirklich ein übles Kapitel, das ist ja nicht so, dass man
darüber nicht reden soll, im Gegenteil. Wir kamen aber zu dem Schluss,
dass jemand, der Ecken und Kanten hat, als Vorbild für junge Menschen
viel eher taugt als jemand, der eine glatte Biographie hat – die es
noch dazu meiner Meinung nach gar nicht gibt. Die Lehrerschaft, die
erst dagegen war, hat sich am Ende dafür ausgesprochen, die Schule nach
Gundermann zu benennen. Aber da führte im Stadtrat kein Weg rein, wegen
dieser Stasi-Geschichte.
Es gibt auch in der Tourismus-Information nichts von Gundermann und
nichts von mir. Also wir sind sozusagen die Kinder, die die Stadt nicht
haben will. Bei mir ändert sich's gerade. Ich darf mich dieses Jahr ins
Goldene Buch der Stadt eintragen, weil ich den Hans-Fallada-Preis
bekommen habe. In Hoyerswerda kriegt man oft die Bedeutung, die Leute
von hier außerhalb der Stadt haben, gar nicht mit.
Dann
müssen sie schon die Augen ganz schön zumachen.
Ja, aber es gibt auch viele Leute in der kleinen Stadt, die einen sehr
großen Horizont haben. Genauso wie es in der Großstadt Menschen mit
einem kleinen Horizont gibt. Aber es gibt in der Kleinstadt Hoyerswerda
eben viele Menschen mit einem kleinen Horizont. Das ändert sich auch.
Letztes Jahr zum Stadtfest hat zum Beispiel die Seilschaft gespielt,
das war schon so ein Meilenstein, es war eine supertolle Veranstaltung.
Es waren teilweise die gleichen Leute da, die da immer sitzen und
schunkeln – nun haben sie eben zu Gundermann geschunkelt. Weil das
nämlich auch geht, und das fand ich schön. Nur die harten
Gundermann-Fans hätten diesen großen Platz nicht gefüllt. Eigentlich
war das nett, mal mit Menschen, mit denen ich sonst nicht zusammen
feiere, da einfach zu sitzen, und wir erleben uns mal als
Stadtgemeinschaft. Das hatte in mehrere Richtungen sowas
Integrierendes. Sowas gibt’s eben auch, so kleine Wunder passieren. Und
eines Tages wird's auch eine Gundermann-Straße oder -Schule in
Hoyerswerda geben. Dass wir das bei dem Stadtfest machen konnten, hatte
mit den Gundermann-Kulturtagen im niedersächsischen Northeim zu tun.
Ich glaube, das hat unsere Stadtväter echt beeindruckt, das hat richtig
geholfen. Aber das ist auch sowas, was schon mit den letzten dreißig
Jahren zu tun hat: Wie die Ostdeutschen behandelt werden. Davon kommt
dieses Sich-klein-Machen und nicht mehr an den eigenen Wert glauben.
Dann muss halt jemand aus dem Westen kommen, und wenn der sagt,
Gundermann ist gut, dann können die das in Hoyerswerda auch glauben.
Also wie absurd ist das eigentlich?
Auf den Kalender bin ich ja sehr gespannt. Das ist 'ne schöne Idee mit
den Weggefährt/innen. Deshalb mag ich auch die Liedgefährten, das sind
ja sozusagen die Feuerstein-Nachfolger/innen, schon alleine dieser
Satzgesang, da geht mir das Herz auf.
Wobei ich glaube wirklich, dass Gundi heute ganz andere Musik machen
würde. Das wäre vielleicht nicht dieses Liedermacher-Zeug, Klampfe und
so. Weil, der hat sich immer weiterentwickelt, und da wäre sicher
irgendwas anderes gekommen. Vielleicht sowas wie Gangsta-Rap, sowas
richtig Extremes. Das sind ja Leute, die mit Sprache extrem viel
machen, also Leute wie Haftbefehl, das ist sprachlich schon sehr, sehr
gut. Und das hat auch so 'ne Härte, die Gundi, glaub' ich,
entgegengekommen wäre.
Die legitimen Erb/innen von Gundermann, wenn man jetzt guckt, wer
musikalisch aus dem gleichen Stall kommt, sind für mich Pisse. Die
singen aus der gleichen Wut heraus, die er hatte. Das ist 'ne ganz
andere Art, mit Sprache zu arbeiten, aber das hat die gleiche Wut. Die
sind supergeradlinig und legen sich, wenn's drauf ankommt, mit allen
an. Die sind aus Hoyerswerda, haben sich mit dem Pogrom
auseinandergesetzt – die sind für mich viel eher Gundermann-Nachfolger
als jemand, der sich mit 'ner Gitarre hinsetzt und zum
dreihunderttausendsten Mal „Hoywoy“ nachspielt.
Ja, Pisse sollte noch erwähnt werden. Die finde ich wirklich cool. Die
sind superberühmt, die gelten mittlerweile als die beste deutsche
Punkband, machen sich aber total rar, arbeiten alle in irgendwelchen
Berufen, wirklich wie Gundi, und machen wirklich alles, um nicht in
diese Musikindustrie reinzugeraten. Die könnten auch Superstars sein,
also es gibt schon viele Parallelen. Obwohl die mit Gundi nix anfangen
können, die kommen ja alle so aus Elternhäusern, die gerne Gundi gehört
haben – und das ist ja auch eher verdächtig und spricht nicht unbedingt
für eigenes Denken, wenn man die gleiche Musik hört wie seine Eltern.
Aber
tauchen die auch in Hoyerswerda ab und zu auf?
Jetzt wieder. Die waren wirklich komplett mit Hoyerswerda durch. Die
sind im Stich gelassen worden bei ihrer Aufarbeitung des Pogroms. Die
ganze Kulturszene, auch alle Menschen um Gundermann rum, einschließlich
Gundermann selbst, haben sich schuldig gemacht, was das Pogrom und
dessen Aufarbeitung betrifft. Gundi hat wie wir alle damals überhaupt
nicht verstanden, was da passiert ist. Ich bin mir sicher, heute sähe
er das anders.
Das ist für mich einer der wichtigsten Sätze von Gundi: „Wir sind auf
der Welt um zu lernen.“ Das gilt, bis man die Augen zumacht. Und das
hat auch was sehr Tröstliches. Wir sind auf der Welt um zu lernen. Das
heißt auch, dass man immer wieder eine neue Chance hat.
Interview: Ulrike Weiskopf am 5.4.2024
in Berlin.
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