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Vertont von Hugo Dietrich! Teil 1 - ein Meisterstück (Musik)

verfasst von Christine(R), 14.07.2021, 20:01
(editiert von Christine, 14.07.2021, 20:12)

Ich liebe sie, die Pakete aus einem Ort bei Berlin. Sie kommen vom Ufer eines Sees, den ich mir wunderschön vorstelle, mit vielen alten Bäumen am Wasser. Und diese Pakete enthalten immer Musik aus Zeiten, die schon eine ganze Weile vergangen sind. Es sind eigentlich fast immer Geschenke aus einer anderen Zeit, einem anderen Land, einer anderen Generation, und sie sind doch immer so aktuell, diesmal fast grausam aktuell.

Es gibt es Menschen, die schreiben und machen Musik „Gegen den Strom den Tod das Vergessen“. Es gelingt ihnen, diese Eröffnungszeile eines Gedichts aus dem letzten Jahrhundert neu zum Leben zu erwecken, für die Nachwelt in dieser schnelllebigen Zeit. Geschrieben hat die Zeile einst Volker von Törne, fast 2 Jahrzehnte lang Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Er war der Sohn eines SS-Standartenführers und starb bereits mit 46 Jahren auf einer Vortragsreise für die Aktion Sühnezeichen - an Überanstrengung, die für ihn sein Engagement für die Zukunft und für die Menschlichkeit bedeutete. Seine finanziell immer ungesicherte Organisation schickte junge Menschen in Länder und zu Völkern, die unter den Nationalsozialisten unfassbar und unerträglich Schlimmes, Endgültiges erlitten. Die jungen Leute halfen beim Aufbau von Jugendheimen, Wasserleitungen, Kirchen und unterstützten Kibbuzim. Noch heute gibt es die Organisation, sie schickt weiterhin Freiwillige zum Beispiel nach Polen oder Israel.

„Gegen den Strom den Tod das Vergessen“ schreibt und singt eben auch Hugo Dietrich in seinem kleinen TurmzimmerStudio am See bei Berlin, und das nicht zum ersten Mal. Unermüdlich hält er seit Jahrzehnten das Andenken an das Werk seines Freundes Gerhard Gundermann aufrecht, gemeinsam mit seiner Partnerin Carmen Orlet oder mit den „Liedgefährten“, den Liebsten und Freunden des Liederpoeten aus der Lausitz. Einen unvergesslich beeindruckenden Abend über die Politikerin Regine Hildebrandt hat er zusammen mit seiner Frau auf die Beine gestellt, der an Achtsamkeit, Schönheit und Sorgfalt im Umgang mit Hildebrandts Texten und ausgewählten Songs von Brecht, Gundermann, Burger und Anderen vermutlich nicht zu überbieten ist. Jetzt hat er sich der Lyrik Volker von Törnes zugewandt.

Die Worte des Dichters, denen Hugo Dietrich hier mit seiner Musik nochmal neue Flügel verleiht, sind ein so feinfühliges Statement gegen Unmenschlichkeit und Faschismus, das es nie nötiger gebraucht hat wie jetzt in unserer hiesigen gefährdeten Gesellschaft, aber auch weltweit. Sie sind aktueller denn je. „Was erwartet ihr von mir?… Dass ich die Hoffnung trage Auf den Markt der tauben Ohren …“. Hugo rezitiert: „Ich lese in der Zeitung, daß die Mörder von Mord und Totschlag nichts gewußt. (Meine Schwester nähte damals ihren Puppen gelbe Flicken auf die Brust.)“. Von Törne hat bei seinen Gedichten nicht nur die Täter von damals, sondern auch die Mitläufer im Blick, und natürlich sich selbst: „Und ich trank die Milch Die dem Hungernden fehlte..“. Und ähnlich wie Heine verzweifelt er manchmal auch an den Deutschen, lässt einen besoffenen Poeten singen „Freunde, ich muß euch verlassen Dieses Land und diese Stadt…Und ich sag: Das Deutsche Wesen ists, was mich verzweifeln läßt. “ Vertont ist seine „Lamentatio“ folgerichtig auch folkig-volksliedartig, auch eine Tin whistle ist zu hören.

Ich liebe es, wenn die Tippgeräusche einer Schreibmaschine den Rhythmus der Rezitate Hugo Dietrichs begleiten wie in „Sieger der Geschichte“. Ich liebe Hugos Melodien, manchmal so eindringlich wie die Worte des Dichters in „Gegen Verführung“, manchmal sanft und still wie in „Vom Fortgehn“, manchmal atonal wie in „Auf dem Boden des Grundgesetzes“. Die Gedichtvertonungen sind so vielfältig und phantasievoll wie ihre lyrischen Vorlagen, der Musiker nutzt Ratsche, Mundharmonikas, Glockenspiel, diverse Flöten und natürlich seine Gitarre. In „Kleine Moritat“ ist seine Stimme weit weg, als käme sie von einem Grammophon. Er pfeift und rezitiert, raschelt mit Papier, klingt traurig und nachdenklich, wütend und mahnend. Hier wird mit der Ein-Mann-Kammermusik den Zeilen von Volker von Törne nochmal zu einem ganz neuen anderen Leben verholfen. Lieder und Gedichtlesungen wechseln sich ab, aus mehreren Schaffensperioden des Lyrikers. Dabei kommt auch das Leben nicht zu kurz, wie in „Erinnerung an Sapounakeika“: „Aufsteigt der Mond, das Brot der Träume Die Sonne glüht im Glas als Wein Das Weltall ruht im Laub der Bäume Und Katzen streichen uns ums Bein…“, doch der Tod ist immer mit dabei.

 

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