Interviews

Gerhard Gundermann. Baggert noch immer. Singt noch immer. Provoziert noch immer: „Ich brauche keine Freiheit“

Interview: Hans-Dieter Schütt


Gerhard Gundermann: ein Original des deutschen Ostens. Virtuos, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ wechselt er die Instrumente: Morgens dirigiert er den Bagger, abends malträtiert er die Gitarre. Gundi arbeitet in einem Lausitzer Tagebau, seine Biographie spiegelt auf nahezu abenteuerliche Weise DDR-Geschichte: FDJ-Liedermacher, Offiziersschüler, Hilfsarbeiter, IM Grigori, SED-Ausschluss. Aber er blieb nicht nur der unbequeme Sänger in Jeans, Fleischerhemd und Hosenträgern – der Blonde mit dem Zopf ist auch ein so romantischer wie fordernder Radikalökologe. Er träumt laut seine Märchen; Samurai und Lancelot, Zauberpferde und fliegende Teppiche sind ihm nah – „weil das Leben die Phantasie braucht, ohne Phantasie sehen wir nicht, was wirklich ist.“

Gerhard, es geht aufs Ende zu im Tagebau.

G.G.: Ja. Die Kohlemuckels haben bald ausgedient. Nur in der Chefetage haben ein paar die Chance, weiterbeschäftigt zu werden. Im Altbergbau oder in der Verwaltung der ehemaligen Bergbauflächen. Und so beginnt das große Rennen um günstige Ausgangspositionen. Wir wechseln die Cheffchens schneller als die Hemden, es kommen Leute mit immer weniger Kompetenz und Interesse.

Während der letzten fünf Jahre hat sich der Bergmann ruckartig vom Helden der Nation zum Backpfeifenautomaten des Volkes und auch der Politik verwandelt.

G.G.: Wenn von Braunkohle die Rede ist, dann auch gleich von Schadstoffemissionen und weggebaggerten Dörfern. Das ist auch alles richtig. Aber in dieser Diskussion wird meist vergessen, daß hier nur ein gut sichtbarer, extrem schmerzhafter Modellfall vorliegt – für eine Konfliktsituation, die auf die Gesellschaft insgesamt zutrifft: Die Menschen, die VON der Industrie leben, können nicht MIT der Industrie leben. Schmerzhaft im Bergbau ist besonders: Alles, was wir verbrauchen, wie es so schön heißt, ist verloren. Wenn wir traditionell Energie gewinnen, indem wir Heimat verheizen, ist Wärme gewonnen, aber Heimat verloren. Das tut deswegen so weh, weil der Konflikt hier in der Lausitz Mann gegen Mann abläuft: Bergleute, die für ihre Arbeitsplätze demonstrieren, stehen gegen Dörfler, die ihre Lebensplätze verteidigen. Mit Schildern, auf denen drohend steht: Hier Wendestelle für Bagger! Wirklich, das tut weh. Es tut nicht so weh, Bier aus Büchsen zu saufen – weil die Wüsten, die der Bauxitabbau verursacht, sich in Brasilien ausbreiten und auch die industriekranken Kinder weit weg sind, die für fünfzig Pfennig pro Schicht in die Mine gehen. Also bin ich regelrecht dankbar für den Konflikt hier: Mann gegen Mann. Er drückt aufs Bewußtsein. Brasilien drückt auf kein deutsches Bewußtsein.

Gerhard, auf die Frage, inwieweit du dich heute anders durchs Leben bewegst als früher, hast du gesagt: „Ich tauche lieber ab.“ Das ist ungewöhnlich für einen, der sehr oft aneckte. Dahinter steckt ja weit mehr als der Wunsch, sich in der Öffentlichkeit, außer wenn du Lieder singst, radikal zurückzunehmen. Ich vermute, du denkst da an eine philosophische Dimension.

G.G.: Ich weiß nicht, ob das ´ne philosophische Dimension ist. Aber ein fliegender Fisch muß ja erstmal im Wasser Anlauf nehmen, ehe er sich nach oben herausfedert. Natürlich bewege ich mich jetzt anders durchs Leben als früher. Ich will nicht mehr kämpfen, ich will lernen. Dazu muß ich erstmal alles, was auf mich zukommt, annehmen. Ich bilde mir kein Ziel mehr ein, das ich erreichen will. Ich bin neugierig, wohin das Schicksal mich bringt.

Das ist Fatalismus.

G.G.: Nein, das ist Bescheidenheit.

Du erklärst also einfach den Punkt, an dem du dich befindest, zum gefundenen Ziel. Stillstand also ...

G.G.: Was heißt Stillstand. Schon mal was von der Relativitätstheorie gehört? Ja, ich könnte mich in ein Auto setzen und mit Höchstgeschwindigkeit von a nach b fahren und unterwegs die Steine und die Kilometer zählen. Aber ich kann mich auch daran erinnern, daß ich auf einem Planeten sitze, der mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Raum rast. Ich kann die Augen heben und die Sterne besehen, an denen wir vorbeikommen. Was denkst du, wo finde ich das Glück? Ich will den Dingen nichts mehr entreißen. Ich will sie geschenkt bekommen. Viele Menschen haben doch inzwischen ein Wertverständnis, das an Preise gebunden ist. Alles wurde käuflich. Wenn man sich´s leisten kann, ist das Teuerste immer das Beste. Der Preis treibt jeden Wert hoch, er entscheidet überhaupt erst, was ein Wert ist. Das halte ich für gefährlich, und es ist mein Ding nun ganz und gar nicht. Ich krieg selten, was ich will, aber ich hab´ alles, was ich brauche.

Zum Beispiel?

G.G.: Meine Frau traute sich nicht mit Bananen nach Hause, solange im Garten Johannisbeeren und Äpfel im Überfluss gratis wachsen. Der Baum in meinem Garten trägt kleine Pfirsiche, die schmecken würzig, wenn auch etwas bitter. Ich habe den Baum gegossen, er gibt nun Früchte. Geben und Nehmen. Ein vernünftiger Kreislauf. Mein Maschinist auf Arbeit guckte sich die Dinger immer an und meinte, Mensch, sowas kannste doch jetzt überall koofen, und die schmecken viel besser, sind rot und süß und saftig. Er hat mich nicht verstanden. Muß ja auch nicht sein.

Gerhard Gundermann: bis zum dreißigsten Jahr des Lebens auf dem Weg vom Ich zum Wir; jetzt eher auf der Suche nach sich selber. Dazu braucht man eine bestimmte Lebens-Technologie.

G.G.: Ja. Zum Beispiel heizten wir eine Zeitlang mit Kohle, etwa fürs Badewasser, und der Badeofen platzte eines Tages, mitten im Sommer. Da hab ich mir gesagt, ist ja wirklich Schwachsinn, draußen herrschen 30 Grad, und wir jagen noch Kohle durch den Schornstein wegen diesem blöden Badeofen. Aus einem abgerissenen Kindergarten holte ich mir diese Röhrenheizungen, montierte die aufs Dach, strich sie schwarz an und füllte sie mit Wasser. Wenn ich von der Schicht kam, hatte das Wasser eine Temperatur von sechzig Grad. Eine einfache Sache, wenn man die verfeinert, kann man sowas sogar anderen Leuten anbieten. Früher war ich ein scharfer Gegner dieser Nischen-Philosophie. Ich meinte, in den Nischen sitzen die, die sich aus der Gesellschaft zurückgezogen haben, die sich feige aus allem raushalten. Aber heute sehe ich auch das anders. In den Nischen werden die Pfeiler errichtet, die mal sehr viel abstützen können, wenn die Welt ins Rutschen kommt. In den Nischen entstehen, aus Gründen eines wie auch immer zu bewertenden Individualismus, jene Technologien des Überlebens, deren Produkte, wenn sie in einen Austausch kommen, unsere Existenz sichern könnten. Siehe das Beispiel mit dem Badeofen-Ersatz. In den Nischen wissen die Leute noch, welche Pilze man essen kann, wie die Bäume heißen und wie man ohne Chemie auskommt.

War der Herbst 1989 für dich eigentlich eine Revolution?

G.G.: Nein. Die Bürgerrechtler redeten 1989/90 alle darüber, wie sie den Sozialismus in der DDR verbessern könnten. Die SED sollte nicht abgeschafft, sondern deren Macht gebrochen werden. Gemeinsam wollte man den Staat reformieren. Wenn am 4. November auf der Demonstration in Berlin jemand gesagt hätte, die Privatisierung des Volkseigentums müsse in Gang gesetzt werden – den hätte man davongejagt. Ich finde, heute wollen einige im nachhinein den vergeblichen Nachweis antreten, sie hätten damals die Prozesse im Griff gehabt. Aber nichts haben sie im Griff gehabt! Bürgerrechtler sind wie alle anderen Politiker überrascht worden. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen von Bärbel Bohley und dem Untergang der DDR. Es war nur zufällig zeitgleich. So wie der Junge, der mit dem Knüppel gegen eine Laterne schlägt, und in dem Moment fällt das städtische Kraftwerk aus. Der Junge erschrickt und denkt nun, er hätte schuld, daß die Stadt im Dunkeln liegt. Das wäre ja, auf die Bürgerrechtler bezogen, kein Problem, aber wenn die uns heute erzählen, daß genau dieses Deutschland nun das Ziel all ihrer Träume sei, dann klingt das, als behaupte der Junge, daß er vorhatte, die Straßenbeleuchtung abzuschalten – indem er mit dem Stock anne Laterne haut. Also ´ne Revolution war es nicht. Aber ich kann auch nicht sagen, was sonst es war. Ich weiß auch nicht, warum genau das Kraftwerk ausgefallen ist.

Teilnehmer welchen historischen Ereignisses wärst du gern gewesen?

G.G.: Der Landung auf dem Mond.

Hat Heimat für dich eine Flagge?

G.G.: Schwarzrotgrünhammersichelährenkranz.

Bist du mit der deutschen Einheit trauriger geworden?

G.G.: Ich bin trauriger, seit mein Vater nicht mehr lebt.

Denkst du manchmal schon an den eigenen Tod?

G.G.: Ja, ich denke dran. Ich habe alles gesehn und alles gehabt. Ich könnte gehen – vorausgesetzt, meine Frau Conny kommt mit. Aber das ist ja nur die eine Seite, daß man genug bekommen hat. Die andere Seite ist, ob man fertig ist mit dem Geben. Und deshalb will ich schon noch´n bißchen bleiben, zumindest so lange, bis die Kinder ohne uns auskommen. Ich bin ja auch noch nicht dran. Wenn ich dran wäre – ich wüßte das, ich spürte das. Bestimmt.

Was empfindest du angesichts der Gewißheit, daß es dich in fünfzig Jahren nicht mehr gibt?

G.G.: Wer legt das fest. Ich könnte doch noch da sein. Oder schon wieder.

Hoffst du auf ein Jenseits?

G.G.: Die Frage impliziert erstens die Festlegung, wir befänden uns im Diesseits, und zweitens die Behauptung, es gäbe nur zwei Seiten. Ich sehe das anders, ich denke: Alles hat ein Ende, nur der Durst hat keins, und außerdem ist die Medaille eine Kugel.

Wofür bist du dankbar in deinem Leben?

G.G.: Für jeden Tag.

Und was fehlt dir zum vollkommenen Glück?

G.G.: Die Fähigkeit, es zu erkennen.

Welche natürliche Fähigkeit hättest du gern?

G.G.: Einen Laufstil mit Schritten, so sieben Meter lang und drei hoch.

Und an welche abergläubische Regel hältst du dich?

G.G.: Rede nie schlecht von deinem Auto, solange es dich hören kann.

Gibt es Landstriche, Bräuche, Städte, die dich auf den Gedanken brächten, du seist für einen anderen Ort besser geeignet?

G.G.: In einer dänischen Holzkirche bei einem Orgelkonzert sah ich auf den Plätzen ringsum Namensschilder aus Emaille. Nur da, wo ich saß, war keines mehr. Vielleicht war das ein Wink, meinen Namen dort anzuschrauben. Wahrscheinlich war ich für Skandinavien geplant, oder für ein israelisches Kibbuz. Und ich bin nur ungenau gelandet.

Du galtest immer als bodenständiger Mensch. Bist du das immer noch?

G.G.: Von wegen Reisefreiheit und so? Freiheit ist was für Tiere. Ich bin eher ´ne Pflanze. Ich brauch keine Freiheit, ich komme dort klar, wo ich bin. Ich muß der Sonne nicht hinterherrennen, ich warte, bis sie vorbeikommt. Ich nehme das, was ich kriege, und das ist eine Menge. Man muß bloß Augen, Ohren und Hände aufmachen. Gemessen an den Kriterien der Wohlstandsgesellschaft, bin ich arm. Aber wenn ich meine eigenen Kriterien anwende, fühle ich mich als schwerreicher Mann.

Und was sind deine Kriterien?

G.G.: Ich habe ein Dach überm Kopf, in einem Reihenhaus, das war spottbillig, ich hab Familie, wir haben zu essen, zu trinken und was anzuziehen, und wenn wir im Sommer aus dem Fenster gucken, sehen wir Bäume. Ohne Übertreibung: Ich bin ein Weltmeister im Zurückschrauben von Ansprüchen. Am liebsten trage ich die Hemden von meinem Vater, die stammen noch aus dem Jahre 1923. Ich brauche wenig: einen Löffel, eine Tasse, und alles muß an seinem Platz sein. Punkt.

Womit wirst du dich im Kapitalismus am wenigsten abfinden können?

G.G.: In der DDR hieß es immer: keine Leute, keine Leute. Wenn die Kinder mit der Schule fertig waren, standen die Betriebsdirektoren und riefen: Komm zu uns, wir brauchen dich, auf dich kommt es an. Wenn sie heute rauskommen, dann hören sie bloß: Mensch, hau bloß ab, mach dich dünne, das Boot ist voll. Wenn wir heute unsere Kinder in die Wüste schicken, schneiden wir nicht nur ihnen die Zukunft ab, sondern auch uns. Und das hier, in einem der reichsten Länder der Welt. Ich hoffe, es gibt noch mehr hier, die das nicht hinnehmen werden.

Bist du noch Optimist?

G.G.: Der Optimist glaubt, daß er die Welt verändert, indem er in sie eingreift. Die Esoteriker sagen, daß man die Welt verändert, indem man sich ändert. Ich glaube, daß ich mich ändern kann. Da bin ich optimistisch.

Letzte Frage: Was ist das für ein Koffer, den du ständig mit dir herumträgst? Es gab keinen Gesprächstermin zwischen uns, bei dem du nicht dieses Blechköfferchen dabei hattest.

G.G.: Dieser Koffer hat zu tun mit Gewohnheiten: Ohne meine täglichen Rituale kann ich nicht leben. Wenn ich ein Auto kaufe, gehe ich mit der Blechtasse zum Händler und suche den Wagen danach aus, ob da ein Halter für die Tasse ist. Diese Art Regeltreue ist für mich die einzige Chance, nicht Opfer meines mangelnden Erinnerungsvermögens zu werden. Der Schlüssel, den ich nicht mit Karabinerhaken an mir festbinde, ist verloren. Aber ohne Schlüssel wiederum bin ich verloren.

Was ist da in dem Koffer drin? Machst du mal auf?

G.G.: Ja, also den Koffer trage ich immer bei mir. Immer! So, guck her. Brillenputzspray, Eßbesteck von meinem Vater, Kabelknipser, Wasserpumpenzange, Bandmaß, kleiner Löffel, kleiner Phasenprüfer, Kugelschreiber, zwei Taschenmesser, Dietrich, Fingernagelputzer, Feuerzeug, ein großes Messer für Gummiarbeiten im Betrieb. So, dieses Fach hier ist variabel. Brotbüchse, Teeschachtel mit Melissentee, Salz- und Pfefferstreuer von meinem Vater, noch aus dem Weltkrieg, Hier drüben habe ich meistens die Mineralwasserflasche mit Blechtasse, und hier ist sozusagen das Schreibtischfach: Notizbücher, Bedienungsanleitung für´s Auto, Bleistift, Diktiergerät. So, das ist mein Überlebens-Set.


Veröffentlicht in „Neues Deutschland“ (Beilage), 24./25. Februar 1996, S. 9

letzte Änderung: 2013-02-27T22:16+0100