Interviews

„... dann ist die Welt härter geworden“.
Ein Gespräch mit Gerhard Gundermann über Verluste, Fahrräder, Hoyerswerda und Entwicklung

Das Interview führten André Caspary und Ulrike Steglich.


Ich sollte auf alle Fälle vor 21 Uhr anrufen – danach fahre Gundermann zur Nachtschicht. Dieser nüchterne Satz macht die ganze schöne Exotik zunichte, die der Kombination „Gundermann: Liedermacher und Baggerfahrer“ anhaftet. Aus Attitüde begibt sich wohl keiner nachts in den Tagebau. An Gundermanns Liedern scheiden sich die Geister. Die einen können nichts damit anfangen und finden es musikalisch grottenlangweilig, bei anderen läuft die soeben erschienene neue Platte von Gundermann & Seilschaft „Frühstück für immer“ in der Endlosschleife. In den Liedern findet man das warme, vertraute Grau wieder, das man manchmal zwischen all der neuen Buntheit verloren zu haben meint. Gundermann taugt kaum zum Star mit Kultstatus; was die Leute anzieht, ist wohl etwas anderes: Dass da jemand nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann und die Ehrlichkeit hat, von Verlust zu sprechen. Dem es offensichtlich egal ist, ob jemand die Sehnsucht nach einem untergegangenen Land political correct findet oder nicht.

Deine Lieder scheinen härter, krasser geworden zu sein.

G.G.: Ich bin nicht in der Lage, meinen eigenen Kram zu analysieren. Ich habe hingeschrieben, was ich dachte ...

Es klingt, als ob dir Verluste stärker bewußt werden als vorher.

G.G.: Das ist richtig. Sagen wir es so: Ich habe im April meine Akten eingesehen, meine Täterakten, und eine ganze Reihe von Dingen wusste ich nicht mehr. So. Viele haben gesagt: Wie kannst du das vergessen; und: Erinnere dich; und: Wie war denn das, und da habe ich ein halbes Jahr richtig nachgedacht. Nicht nur darüber, sondern überhaupt, wie es war. Es kann natürlich sein, daß dieses „Wie war denn das“ auf die Platte abgefärbt ist. Die guckt ziemlich nach rückwärts – und da ich so viele Gewinne nicht konstatieren kann, hab ich eben die Verluste aufgesagt.

Du machst keinen Hehl aus dem Traum vom „Eisenland“ und setzt dich damit sicherlich auch DDR-Nostalgie-Vorwürfen aus. Beobachtest du das auch um dich herum oder hast du das Gefühl, es geht nur dir so?

G.G.: Es geht auch anderen so. Wenn ich mit denselben Kollegen auf Arbeit fahre – vor einem Jahr, als ein PDS-Bürgermeister gewählt wurde, hieß es: „Ja, haben die denn noch gar nischt gelernt, haben sie´s noch nicht begriffen.“ Wenn wir jetzt runterfahren, wo die Entlassungen anstehn, ist der Tenor: „Wegen mir könn´se die Mauer wieder bauen, die können auch mein Auto zurückkriegen.“ Wenn man jahrelang mit denselben Leuten in demselben Auto dieselbe Strecke fährt und die Gespräche hört, merkt man die Entwicklung, die stattgefunden hat. Da haben sie gespürt, daß wir uns doch offensichtlich zu schnell unsere Souveränität haben abkaufen lassen.

Gab es dann vorher Euphorie unter den Arbeitskollegen?

G.G.: Weißt du, wenn du dein Leben lang Autos fährst, wo du mehr drunterliegst als drinsitzt, dann freust du dich, wenn du endlich eins hast, wo du immer noch drinsitzen kannst und gar nicht mehr drunterliegen musst. Das war ja auch klar. Die ersten Jahre war es doch so: die neue Ordnung warf ihre positiven Schatten voraus, die alte hinterließ ihre noch. Mieten, Strom, Wasser – das wurde erst allmählich und wird immer noch angehoben. Man bekam aber schon mehr Geld und auch anderes, härteres. Für eine kurze Zeit konnte man sich sozusagen an den Sahnehäubchen beider Systeme gütlich tun, ohne an dem Boden kratzen zu müssen. Bei uns ist ja alles viel später passiert: Ein Tagebau wird nicht so schnell zugemacht wie eine Weberei, das dauert viel länger wegen der Nachbereitung. Jetzt geht es bei uns erst richtig los. Was vielen DDR-Bürgern um 1992 aufgegangen ist, geht den Kohlekumpels jetzt auf – drei Jahre später.

Betrifft dich die Entlassung auch?

G.G.: Ja, klar. Wenn ein Tagebau zugemacht wird ... es ist ja keine Böswilligkeit, sondern einfach so, daß wir in der DDR aus Braunkohle alles gemacht haben: Gas, Kohlen, Energie, Chemie, Koks ...

Wir machen im Prinzip nur noch ein paar Briketts, alles andere ist weggefallen. Der Bedarf sinkt, und du kannst nicht sinnlos Braunkohle produzieren, wenn sie keiner haben will – also wird der Tagebau auch zurückgefahren. Unser Bau ist einer von denen, die zugemacht werden, und das trifft alle, die da arbeiten.

Und dann?

G.G.: Weiß ich nicht. Es gibt Umschulungsmaßnahmen. Aber was dort im Angebot ist, hat mich erstmal nicht interessiert. Erstens habe ich keine Lust, Sanitärinstallateur zu werden oder Baumaschinist. Zweitens hat es keinen Sinn: bei den Baumaschinisten gibt es mittlerweile auch mehr Leute, die arbeitslos zu Hause sitzen als solche, die auf dem Bau arbeiten ...

Wenn ich jetzt das zweite Mal neu beginnen kann, muss, will und darf, dann will ich einen Beruf lernen, wo ich auch ein bißchen vorausschaue. Ich habe Tagebaumaschinist gelernt, als von Ökologie noch nicht die Rede war. Wir sollten im Winter allen den Arsch warmmachen, und wenn wir es geschafft hatten, waren wir die Guten. Plötzlich waren wir nicht mehr die Guten für dieselben Taten. Als ich Anfang der 70er im Tagebau angefangen hab, war Ökologie noch kein Thema; da dachte man auch immer, wenn man die leeren Batterien in den Müll schmeißt, sind sie ordentlich aufgehoben. Eine Frage des Kenntnisstandes. – Ja, und jetzt würde ich gern einen Beruf erlernen, wo ich eben nicht wieder nach zwanzig Jahren verantworten muss, was ich für einen Mist gemacht hab. Ich würde zum Beispiel gern ein Zweiradmechaniker werden.

Weil man da nicht viel falsch machen kann?

G.G.: Ein Fahrrad ist eine ideale Maschine. Es kommt ohne Fremdenergie aus, du setzt menschliche Energie um. Die Maschinen sind inzwischen so kompliziert, daß du als Laie nicht mehr viel dran drehen kannst. Das ist ja alles hochsensibles Zeug, das sich auch noch weiterentwickeln wird, und irgendwann wirst du mit Kraft deiner Beine auch ziemlich weit ziemlich schnell fahren können. Da würde ich schon gern mittun. An so einer Maschine kann man eigentlich nichts falsch machen, außer daß man vielleicht ein falsches Metall verwendet ...

Dich verbindet viel mit Hoyerswerda ...

G.G.: Ich bin hingezogen, da war ich zwölf. Weggezogen bin ich mit dreißig. Jetzt wohne ich etwa 10 km weiter, in so einer Bergarbeitersiedlung. In Hoyerswerda habe ich also fast 20 Jahre gewohnt. Ich habe mehrere Plattenwohnungen durch – vom Kinderzimmer in der Wohnung meiner Mutter über die Einraumwohnung bis zur Familienwohnung – also alles, was der Plattenbau so zu bieten hat. Seit 1989 haben sich dort wesentliche Veränderungen vollzogen. Es ist eine Stadt voller Leute, davon 90 % zugezogene – ursprünglich wohnten dort 5.500 Leute, zwischendurch waren es knapp 80.000, jetzt sind es noch 50.000. Es sind also richtig viele weggezogen. Es ist eine Stadt voller Leute, die gerufen wurden, um Kohle zu fördern, und eine Stadt voller Leute, die jetzt nicht mehr gebraucht werden.

„Wesentliche Veränderungen“ sehen zum Beispiel in Berlin-Mitte chaotisch und baustellenhaft aus.

G.G.: Das ist es in Hoyerswerda natürlich auch, aber ... Das, was ich damals empfunden habe, wenn ich nach dem Konzert heimkam, empfinde ich jetzt, wenn ich nach S. einfahre. – Ich bin in Hoyerswerda eigentlich nicht mehr zu Hause. Viele Freunde, mit denen man zusammen was getan hat vor 10, 15 Jahren, sind nicht mehr da, sie sind weg und machen woanders irgendwas.

Es sind immer so Restbestände, „Restposten“ übrig ... wobei das auch wieder die sind, die heute immer noch was machen. Dieselben, die dort vor 20 Jahren versucht haben, in einem zweiten Arbeitsverhältnis Kultur auf die Beine zu bringen, machen das heute auch wieder.

Hast du nie überlegt, nur Musik zu machen?

G.G.: Nein.

Warum nicht?

G.G.: Na, ich kann ja keine Musik machen.

Klingt ein bißchen kokett.

G.G.: Das ist nicht kokett. Das ist eine realistische Einschätzung. Wenn es eine musikalische Wirksamkeit gibt, dann wird sie durch die Band realisiert.

Es gibt tausend Gründe dafür, warum ich das nicht machen will. Einer ist eben, daß ich mein Brot irgendwie anders verdienen will als mit Kunst.

Vor kurzem gab es ein Portrait über Barbara Thalheim und Bettina Wegner. Die Thalheim tritt nicht mehr auf; die Wegner wurde so dargestellt, als hätte sie sich kaum verändert. Du wiederum scheinst dich mehr in Richtung Rock zu bewegen.

G.G.: Ich wollte das schon vor 15 Jahren machen, und wir haben es mit der Brigade Feuerstein auch gemacht. Die Musiker waren Amateure, aber das Prinzip war schon das gleiche. Ich bin sicher keiner, der sich groß entwickelt hat. Ich trete seit ca. zehn Jahren allein auf, und seitdem haben sich meine Vorstellungen von dem, was ich realisieren will, nicht sonderlich gewandelt. – Ich glaube, ich bin jemand, der sich nicht entwickelt.

Es würde mir schon reichen, wenn ich jemanden wie Bettina Wegner mein ganzes Leben lang zur Verfügung hätte. Weil: Die Welt ringsherum entwickelt sich ja, aber das Fernglas, in dem ich die Welt angucke, entwickelt sich auch nicht, und du siehst trotzdem immer neue Sachen dadurch. Wir sind auch nichts anderes als Ferngläser, die bestimmte Ausschnitte vergrößern und sichtbar machen – da muss man sich nicht selber entwickeln. Glaube ich jedenfalls. Und wenn die Lieder jetzt härter klingen – ja, dann ist die Welt härter geworden. Die Welt hat sich verändert.

„Hier“ ist ein wichtiges Wort in deinen Texten. Wie ist die Reaktion, wenn ihr im Westen spielt?

G.G.: Ich glaube, daß wir drüben, auf der anderen Seite der Elbe, so viel nicht spielen werden. Ich denke schon, daß es Leute in der Bundesrepublik gibt, die damit was anfangen können, aber es funktionieren auch bestimmte Mechanismen: Du musst erstmal wissen, daß du mit jemandem was anfangen kannst, ehe du 20 Mark für ein Konzert bezahlst. Da wirst du nicht so reingeschoben oder reinpromoted. Das musst du dir erarbeiten, das dauert Jahre. Aber ich denke, wir werden auch immer eine Band für hier bleiben, weil sich viel aus dem Gefühl von hier, aus dem Leben hier speist. Es gibt ja auch Typen, die nur im Ruhrgebiet spielen und sonst fast nirgends. Du musst Veranstalter kennen, du musst ein Vokabular sprechen, was auch alle verstehen – du brauchst ja drüben wirklich Dolmetscher. Das ist so, immer noch; es ist ein Irrtum zu denken, daß man sich versteht, wenn man miteinander deutsch spricht.

Wie sehen solche Mißverständnisse zum Beispiel aus?

G.G.: Da gibt es sicher vieles. Ich will diese Ost-West-Nummer auch nicht hochpushen, die geht mir eigentlich auf den Keks. Es gibt im Westen viele, die ich dort kennen gelernt hab und auf die ich neugierig war; und ich war glücklich, daß ich sie kennen gelernt habe, und es gibt auch Leute, wo ich dann nicht so glücklich war. Aber das gibt es im Osten auch. Der Anteil von Leuten, mit denen man was anfangen kann, ist sicher überall gleich. Es gibt hier auch Mißverständnisse. Da kam mal eine Tante von der Zeitung und fragte mich: Was machen Sie denn für Lieder. Ich sage, ich hoffe, daß ich Volkslieder mache, da sagt die: Ach so, zum Mitklatschen und so. Es ist egal, auf welcher Seite die Mißverständnisse stattfinden. Wir sind eine Randgruppen-Combo und werden es sicherlich auch bleiben, und wenn wir keine mehr sein sollten, müssen wir uns wahrscheinlich fragen, was wir falsch gemacht haben.


Veröffentlicht im „scheinschlag, den einundzwanzigsten dezember (1995) bis siebzehnten januar (1996)“, S. 12.

letzte Änderung: 2013-01-24T01:58+0100