Interviews

Gerhard Gundermann. Warst du ein guter Spion?

Interview: Dirk Peters


Der Rocksänger Gerhard Gundermann war für die Stasi „IM Grigori“.

Die Zeitschrift STERN recherchierte, die ARD bat andauernd um Rückruf. Die Luft für Gerhard Gundermann wurde dünn. Conny, Gundis Frau, war dann „irgendwie erleichtert, als es endlich raus war“: „Sagen mußte er es, das ist er seinem Publikum schuldig“, war für sie schon lange klar.

Hast du damit gerechnet, daß irgendwann jemand kommt?

G.G.: Es sind doch schon mehrere gekommen. Und dann habe ich immer gesagt, ja, so war das. Aber viele sind es nicht gewesen. Und ich hatte diese ganze Geschichte, nein, nicht vergessen, auch nicht abgehakt, aber irgendwie beiseite geschoben: Man kann mit dem ganzen nur im Raum DDR umgehen. Aber der Raum DDR ist ja weg. Also habe ich für mich gesagt, das ist erledigt. Ich habe mich weder um meine Opfer- noch um meine Täterakte gekümmert.

Wußtest du damals, daß du an Operativen Vorgängen (OV) und Operativen Personenkontrollen beteiligt bist?

G.G.: Nein, das hat mir jetzt erst mal jemand übersetzen müssen, was das ist. Die haben damals immer gesagt, „Schätze mal den und den ein“. Eine ganze Reihe von denen sind dann später IM geworden, als ich nicht mehr dabei war. Ich habe sie empfohlen, dann hatte ich sie auf dem Hals. So ist das.

Was willst du nun tun?

G.G.: Ich versuche, auf die Leute zuzugehen. Nachdem ich meine Akte gesehen hatte, habe ich versucht rauszukriegen, wer denn nun hinter den OV und OPK steckt. Einen habe ich angerufen, der hat mich dann zu sich bestellt – und mich abtropfen lassen. Er wollte nicht mit mir drüber reden, er hat einfach gesagt, er hätte die Unterlagen jetzt nicht da. Ist ja sein gutes Recht, der ist ja jetzt am Zug. Vielleicht verarscht der mich auch bloß.

Was hast du denn über den berichtet?

G.G.: Arroganten Mist. Der Gag: Der wollte immer in den Westen, und die Stasi wollte ihn weghaben. Hätten die sich ausgesprochen, hätten die sich viel Streß sparen können. Die andere OPK, an der ich beteiligt war, ist dagegen ziemlich harmlos. Ich habe jetzt auch mit dem gesprochen – der hatte die ganze Zeit Angst, daß ich seinen Namen in meiner Opferakte finde. Der hatte nämlich angefangen, als ich aufhörte.

Welche Einschätzung hast du selbst von deiner Tätigkeit?

G.G.: Meine Definition ist inzwischen so: Ich habe mich schuldig gemacht vor mir selbst, vor der Idee des Sozialismus. Ob ich mich an anderen Menschen schuldig gemacht habe, muß ich noch rauskriegen. Mit dem, was ich bisher weiß, kann ich leben.

Aber solche Sachen wie die, wo du zwei Bekannte verraten hast, die Funkgeräte aus Italien einschmuggelten – das sind doch Petzereien, das ist doch hochgradig unanständig.

G.G.: Ja, klar. Das ist eklig. Aber es war doch so: Ich habe doch mit denen über alles mögliche geredet, und nie ist was passiert. Der Typ mit den Funkgeräten hat nie Ärger bekommen. Dabei hatte der eine unheimliche kriminelle Energie, der klaute, auch wenn er Geld in der Tasche hatte. Der benutzte den Singeklub, um Privatgeschäfte zu machen. Ich dachte damals, in dem Moment, wo die mir vertrauen, daß ich alles weiß, trauen sie mir auch zu, daß ich alles im Griff habe. Daß die also nicht eingreifen. Mir war ja die Gruppe wichtiger als der Typ. Das zumindest klappte ja auch.

Wofür hast du das Geld bekommen, über das die Stasi zwei lange Quittungslisten führte?

G.G.: Die kleinen Summen sind Kaffee und Kuchen. Was so im Februar ist, müssen Geburtstagsgeschenke sein. Und einmal die 161 Mark sind ein Fotoapparat, den sie mir gekauft haben, damit ich im Westen für sie fotografieren kann. Und die Filme. Beim ersten Treffen hat mir der Leutnant Stasch so 50 Mark gegeben. Das sei so üblich. Aber ich habe beim nächsten Mal gesagt, daß ich kein Geld haben will.

Dafür gab´s dann später ´ne Reihe von Auszeichnungen?

G.G.: Und jedesmal ein blödsinniges Theater. Die Artur-Becker-Medaille haben sie mir gezeigt und dann gleich wieder mitgenommen. Die 250 Mark, die dranhingen, konnte ich behalten. Für den Einsatz in Ungarn gab´s eine Obstschale aus Blech. Die habe ich weggeschmissen.

Wie hast du die Treffs getarnt?

G.G.: Gar nicht. Ich war doch solo, mich hat doch keiner gefragt.

Welches Verhältnis hattest du zu Leutnant Stasch, deinem Ansprechpartner über Jahre?

G.G.: Ich habe doch in jedem Verein erst mal gedacht, jetzt bin ich bei den Schlauen gelandet. Und wenn ich bei den Guten bin, sind automatisch alle Sachen, die wir machen, gut. Mein eigener Maßstab hat sich erst später wieder eingeschaltet. Ich habe erst später gemerkt, daß die mich nicht als Partner behandeln. Ich hoffte, die warnen mich, wenn auf der Parteischiene wieder was gegen mich läuft. Haben sie aber nicht.

Warst du ein guter Spion?

G.G.: Nein. Glaube ich nicht. Die haben mich zwar in den Akten immer als ergiebig und gut eingeschätzt, aber das war doch auch bloß, damit die nach oben gut aussahen. Zum Beispiel nach der Ungarn-Kiste, wo ich zwei Fluchthelfer in die DDR locken sollte. Da habe ich mich so geschämt, weil da alles schief ging. Ich dachte, ich krieg´ nur ´ne Obstschale, weil ich schlecht war. Aber die fanden mich Klasse. Ich weiß nicht, warum.

Wenn du heute die Akte liest, was denkst du dabei?

G.G.: Die ganzen Dinger mit Planschwindel aufdecken, melden, wenn die Chefs im Betrieb klauen, die Forderungen nach mehr Geld für die Basiskultur in Hoywoy, das ist alles okay. Wo ich für die Brigade Feuerstein gegensteuern wollte, wo was über FDJ und Partei schief lief, war zumindest gut gemeint. Aber was Scheiße ist, sind die persönlichen Sachen. Die Petzberichte, diese widerlichen Arien. Das ist ganz dolle Scheiße.

Aus welcher Motivation hast du denn das gemacht?

G.G.: Ich weiß es nicht.

Irgendwann bist du nicht mehr hingegangen. Warum?

G.G.: Ich war sauer geworden. Diese blöde Sicherheitsdoktrin: Wenn ein Mensch ein Problem hat, schafft man nicht das Problem ab, sondern den Menschen. Das ist mir aufgefallen, auch wenn ich ein langsamer Denker bin. Das ganze Land kochte, und die hatten nur Scheiße im Kopf. Zum Schluss bis ich nur noch hin, um denen das begreiflich zu machen. Aber die wollten´s nicht hören.

Doch du hast es versucht. War das naiv?

G.G.: Ja, wahrscheinlich. Ich wollte immer meine Kraft zur Verfügung stellen und merkte dann, daß ich Leuten diene, die überhaupt nüscht auf der Lampe haben. Ich bin dahintergekommen, daß ich die Verantwortung für mein Handeln selber übernehmen muß. Leider zu spät.

Wie hast du dann erlebt, daß du ein Thema für die wurdest?

G.G.: Erst mal gar nicht. Ich habe mich ja nicht unbedingt mit der Stasi angelegt. Ich habe mich doch mit Werner Walde, dem SED-Chef von Cottbus, in den Haaren gehabt. Das ging so weit, daß wir 1988 überlegt haben, ob wir uns pro forma scheiden lassen, damit ich nach Berlin umziehen kann. In Cottbus sind ja Filme und Lieder verboten worden, die überall anders liefen. Also bei SED und FDJ war ich für viele der Spezialfeind. Darüber waren die Stasileute auch ziemlich unglücklich. Die arbeiteten ja mit mir, und dann wurde immer gesagt, daß ich der Böse bin. Von der Partei wurde alles, was ich machen wollte, torpediert: private Kulturinitiativen, Veranstaltungsreihen. Bloß ein Telefon haben wir sofort bekommen, als wir eins wollten.

Bist du deshalb nie vollprofessioneller Künstler geworden, aus Angst, von irgendwelchen Kulturfürsten abhängig zu sein?

G.G.: Ja, ich hatte keine Lust, mich zu prostituieren, um die Band bezahlen zu können. Mir ist lieber, daß ich wie jetzt Konzertanfragen absage, weil ich Schicht habe, als daß ich um Engagements bettele. Ich wollte mir damals immer die Freiheit bewahren, eine Mugge, die mir nicht paßt, absagen zu können. Heute ist das im Grunde noch viel schlimmer. Du mußt dich schnell verbiegen, um zu überleben. Das will ich nicht. Aber schon durch die Band bin ich da nicht mehr ganz frei, denn die Jungs müssen ja verdienen.

Wie sind die Reaktionen auf die MfS-Sache? Mußt du Angst haben, Band und Familie nicht mehr ernähren zu können?

G.G.: Der Klaus Koch, Chef meiner Plattenfirma, wußte es schon länger, verstand es. Vivi Eickelberg, die Managerin von Heinz Rudolf Kunze und Hermann Van Veen, hat es damals auch ziemlich unaufgeregt genommen. Auch die Silly-Leute, Tamara, andere Kollegen, denen ich es erzählt habe, und die Musiker meiner Band. Alle Leute, die im Osten mal Verantwortung trugen, wissen ja, daß ohne die oder gar gegen die nichts ging. Die Alternative war totale Verweigerung. Ich kann damit nichts anfangen. Ich muß immer was tun. Schade ist bloß, daß genau das Gegenteil von dem rausgekommen ist, was ich wollte: Das Prinzip Sozialismus wurde auf allen Ebenen verheizt, und ich habe mitgemacht. Ich habe Demokratie verhindert, ich habe dafür gesorgt, daß am Ende die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Idee war. Das ist meine Schuld, damit muß ich klarkommen. Was das Publikum jetzt sagt, weiß ich noch nicht. Wenn es mich nicht mehr sehen will, ist das sein gutes Recht. Dann mache ich erst mal zwei Jahre Pause. Vielleicht haben sie mir ja danach verziehen.


Veröffentlicht in „Junge Welt“, 26. Juni 1995, S. 2

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