Interviews

Der Sand ist doch ein erstzunehmender Gegner - Samurai der Grünen Armee

Gespräch von Frank Quilitzsch mit Gerhard Gundermann, 1994 in Jena vor einem Konzert


Zwei Seelen „baggern“ ach, in Ihrer Brust - wie vertragen sich der Baggerfahrer und der Rocksänger miteinander?

G.G.: Das ist ja nichts Gegensätzliches, jedenfalls nichts, was sich ausschließt.

Aber zeitlich schwer unter einen Hut zu bringen.

G.G.: Sicher, nur hat das eher etwas mit dem Kopf, weniger mit der Seele zu tun...Man braucht ja auch zwei Gehirnhälften, die linke ist für die praktischen, die rechte für die kreativen und künstlerischen Sachen verantwortlich. Zeitlich gibt’s natürlich Probleme. Zum Beispiel hat die Familie seit drei Jahren keinen Urlaub mehr gemacht.

Ernährt der Baggerfahrer den Sänger?

G.G.: Was ich auf der Arbeit verdiene, ernährt meine Familie. Von dem, was die Kunst einbringt, kaufe ich mir eine Gitarre oder ein Auto, mit dem ich auf Tournee fahren kann. Ich muss mit Musik nicht mein Brot verdienen, muss also nicht Entscheidungen über Kunst vom Gelde abhängig machen.

Könnte es sein, dass eines Tages der eine den anderen begraben muss?

G.G.: Ich will er nicht hoffen.

Liedermachen ist Ihre alte Berufung. Ganz früher mit der FDJ, dann mit „Brigade Feuerstein“. Heute - im Rock- und Folkrockstil  - mit „Silly“ und „Seilschaft“...

G.G.: Mit der FDJ habe ich doch keine Lieder gemacht. Die FDJ war für uns ein Partner, hat zum Beispiel Werkstätten organisiert, auf denen wir und getroffen und ausgetauscht haben. Und „Brigade Feuerstein“ war eine Art Produktionsunternehmen für Lieder, so wie heute „Silly“ ein Produktionsunternehmen für Rockmusik ist.

Gab es um die „Brigade Feuerstein“ nicht auch mal politisches Theater?

G.G.: Das ist rund fünfzehn Jahre her. Wir haben damals in Hoyerswerda nicht nur Lieder gemacht. Sondern auch versucht, Theater zu spielen. Und uns dabei mit denen, die anderer Meinung waren als wir , auseinandergesetzt. Da gab’s auch Krach. Ein ganz normaler Vorgang. Das ist heute doch nicht anders als früher. Heute hält einer beim Karneval `ne frechen Büttenrede und kriegt hinterher einen auf den Deckel. Aber wenn man aneckt, ist das die Bestätigung, dass man das Problem getroffen hat, und letztlich ein Ausdruck für Effektivität. Und darüber sollte man doch froh sein.

Auf Ihrer neuen CD ziehen Sie als „7ter Samurai“ ins Feld. Gegen wen oder was wollen Sie antreten?

G.G.: Ich reibe mich an Zuständen. Aber die kann ich hier nicht in Parolen fassen, deshalb schreibe ich ja Lieder. Die Lieder wiederum kann man sich anhören.

Lieder, die aufwühlen und provozieren...
Wenn ich etwas schreibe und mich entschließe, dass nicht nur mir selbst und meiner Frau, sondern auch anderen Leuten vorzusingen, dann bedeutet das, dass ich dem das Gewicht eines Vorschlages beimesse. Wenn dies zudem vor einem vollen Saal geschieht, erhöht sich der „Gebrauchswert“. Möglicherweise steckt in jedem Vorschlag eine Art Provokation.

Umweltschützern haben Sie sogar eine „Hymne“ komponiert.

G.G.: Der Ursprung war, dass ich vor zehn, zwölf Jahren einen Fernsehbericht gesehen habe, wie der Bundesgrenzschutz einen Rettungseinsatz für Erdbebenopfer in Italien geflogen hat. Für gut gedrillte Leute die Gelegenheit zu kämpfen. Oder im Feldzug gegen die Wüste. Der Sand, das ist doch ein Gegner. Wenn man alle militärischen Kapazitäten richtig einsetzen würde, könnte man vielleicht das Ruder noch herumreißen.

Die „Grüne Armee“, singen Sie, sollen den Rhein „filtern“ und das Ozonloch „stopfen“. Wäre nicht zunächst Schadensbegrenzung in der Lausitzer Kohle angesagt?

G.G.: Wieso wäre? Ist ja angesagt. Und was die Grüne Armee betrifft, in diesem Titel geht es mir um die Umverteilung von Kapazitäten. Von da, wo sie meines Erachtens nicht mehr gebraucht werden, dahin, wo sie gebraucht werden. Das findet in meiner Gegend ja auch bereits statt. Leute, die aus dem produktiven Prozess ausscheiden, helfen bei der Sanierung der Tagebaulandschaft.

Viele bleiben aber auch auf der Strecke.

G.G.: Das ist eine andere Frage, nämlich danach, wie man die Arbeit verteilt. Für den Vorschlag, den VW jetzt offiziell mit der Vier-Tage-Arbeitswoche gemacht hat, plädiere ich schon seit Jahren. Meiner Ansicht nach sollte lieber das ganze Volk die halbe Arbeit machen, als das halbe Volk die ganze. So wie es zur Zeit läuft, kann’s doch nicht bleiben: Die, die momentan arbeiten, machen sich tot, und die nicht arbeiten langweilen sich zu Tode. Da muss man sich doch irgendwo in der Mitte treffen.

Lothar Späth, mit dem Sie in Berlin zur Talk-Show saßen, fragt mit seinem Buch: „Sind die Deutschen noch zu retten?“ Was haben Sie ihm geantwortet?

G.G.: Es ging in unserem Gespräch darum. Wie Deutschland sich seinen Platz als „Exportweltmeister“ wieder erkämpfen könnte, also um Produktionsstandorte, Lohnkosten und ähnliche Dinge. Das ist für mich aber nicht die Hauptfrage. Viel wichtiger scheint mir, was wir exportieren. Wenn wir den Weltmeistertitel mit unbeschränkter Ausfuhr von Militärgerät erreichten, wäre das nicht mein Ding. Ich plädiere eher für solarbetriebene Fortbewegungsmittel oder neue Technologien für alternative Energieversorgung. Darüber sollte man mal sprechen. Lothar Späth gehört übrigens zu jenen Leuten, die bereit und in der Lage sind, anderen zuzuhören.

Baggerfahrer betrachten die Welt von „unten“, von der Wurzel her. Woher nehmen Sie die Kraft zum Träumen?

G.G.: Es gibt zwar Wurzeln ohne Blätter, aber es gibt keine Blätter ohne Wurzeln. 

Viele Ihrer Titel strotzen vor hintergründiger Ironie. Und trotzdem der Wunsch, seinen Frieden zu machen mit Freund und Feind?

G.G.: Es geht ja nicht anders. Man kann die Welt nicht in ein Schema einteilen. Sag mir, wer im ehemaligen Jugoslawien die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. Das geht nicht. Jeder muss zurückstecken können, egal, ob er denkt, dass er recht hat, oder nicht.

Sind Sie eher ein nachdenklicher, verletzlicher Mensch?

G.G.: Würde ich schon sagen.

Ein Wort zur „Seilschaft“. Warum, glauben Sie, wird Ihre Band häufig mit „Silly“ verwechselt?

G.G.: Vielleicht, weil wir so viel gemeinsam gemacht haben. Die Platte „Einsame Spitze“ hat noch „Silly“ eingespielt. Der „7te Samurai“ wurde schon mit der „Seilschaft“ aufgenommen, aber von den „Silly“- Leuten produziert. So ein Teamwork ist eben nicht leicht auseinander zuhalten.

Warum wird Schlagzeugerin Tina Powileit, vielen etwa von „Mona Lisa“ und aus dem DEFA-Film „Die Alleinseglerin“ bekannt, in Jena nicht trommeln?

G.G.: Weil sie etwa zur gleichen Zeit ein Kind bekommt.

Sie selbst haben Frau, drei Kinder, zwei Katzen, Hund und Vogel. Was bedeutet Ihnen Ihre Familie?

G.G.: Alles

In Ihren Konzerten erzählen Sie gern skurrile Geschichten. Haben Sie eine auf Lager?

Also, früher war es doch so, dass ein Ingenieur schlechter bezahlt wurde als ein Baggerfahrer. Das hat sich heute natürlich geändert. Je höher einer heute steht, desto besser verdient er. Sitzt also der Baggerfahrer da und muss aufschreiben, was er in der Schicht geschafft hat. Dass er bis zum dritten Pfahl gekommen ist. Aber er weiß nicht, wie das Wort „Pfahl“ geschrieben wird. Fahl, denkt er, geht nicht. Phal sieht erst recht verdächtig aus. Bei Pfal ist er sich nicht ganz sicher. Da kommt zufällig der Ingenieur herein und sagt: Gott sei Dank, dass du die gleichen Probleme hast. Ich male das Ding lieber..


Erschienen in „Wie im Westen so auf Erden“, herausgegeben von Frank Quilitzsch 1998
P. Kirchheim Verlag, ISBN 3-87410-078-2

letzte Änderung: 2008-12-17T13:23+0100