Interviews

Ich bin eigentlich immer ein Weltbürger, der im Spreewald wohnt!

Gespräch von Markus Riemer mit Gerhard Gundermann am 14. Mai 1994 in Rostock


Du hast im Moment viel Erfolg, bist der Geheimtipp unter den Ostliedermachern, nicht wegen der lauten Parolen die Du ausgeben könntest, sondern wegen dem, was zwischen den Zeilen steht und klingt. Was willst Du bewegen, was ist Deine Zielgruppe?

G.G.: Ich hoffe, dass es nicht nur zwischen den Zeilen ist. Ich hab immer so'n Gefühl bei den Konzerten, die ich solo oder mit der Band mache, dass sich da solche Minderheiten treffen, die vielleicht versuchen, an morgen zu denken. Die Leute stehen ja meistens in der Schule, in der Brigade oder sonst wo immer einer gegen zehn; und wenn wir dann spielen, dann sind das immer n u r solche Leute, und dann können die immer durchzählen, wie viele sie sind, sich mal gegenseitig 'anfassen', und das ist doch auch okay.! Dass sie einfach merken, wie viele sie sind. Diese 'Zielgruppe' allmählich zu vergrößern, gibt dem ganzen doch einen Sinn.

Wie erlebst Du das Verhältnis zwischen Ost- und Westliedermachern, wenn es da überhaupt ein Verhältnis gibt? Bist Du dann als Exot, als denkenkönnender Ossi oder Gerhard Gundermann ans sich eingeladen? Wie fühlst Du Dich dabei?

G.G.: Also das eine ist, dass die Kulturwelten eigentlich nach der deutschen Vereinigung getrennter sind als vorher. Vorher war ja so eine Art Verlangen aufeinander, die Ostler hatten im Westen den Exoten- Bonus, die Westler hatten im Osten den Bonus, dass sie geniale Gitarren und Verstärker hatten, da musstest Du mal gucken. Das ist eigentlich jetzt vorbei. Jetzt ist der Kampf um die Märkte angesagt, dadurch ist es schwer, zueinander zu finden. Aber über persönliche Beziehungen geht zum anderen viel mehr, ein befreundeter Liedermacher aus Kreuzberg, den hab ich im Osten mitgenommen in meine Klubs, wo ich mich auskenne, da haben wir ein Programm zusammen gemacht; er hat mich mitgenommen in den Westen, in seine Klubs; im Deutschlandfunk haben wir eine Sendung zusammen gemacht. Man zeigt sich also seine Welt gegenseitig, man lässt sich rein, man steht sich bei; nach 3 bis 4 Jahren haben sich jetzt auch diese und jene Leute gefunden, die denken, dass wir fürs Ruhrgebiet auch ganz interessant wären. Wir wollen nicht unbedingt mit Macht in den Westen, aber wenn welche sagen, wir wollen Euch unbedingt haben, dann fahren wir dahin und dann spielen wir da. Aber wir drängeln uns nicht rüber.

Der StudentInnenrat kündigte Dich an mit: sich rankenden Legenden, der singende Baggerfahrer aus dem Braunkohlerevier, etc. Bist Du so etwas wie der working class hero? Wie und warum bringst Du das alles unter einen Hut?

G.G.: Also, ich bringe es nicht unter einen Hut, aber ich lebe eben so, es ist keine Legende, für mich ist es das tägliche Leben. Ich will eigentlich das eine von dem anderen ausklammern, ich will als Liedermacher geliebt werden, wegen der Lieder; und wenn ich in der Kohle bin, will ich beurteilt werden nach meinen Leistungen dort. Ich will nicht, dass eins ins andere überschlägt, es sind zwei Welten, in denen ich jeweils ein Bein stehen hab, ich will's auseinander halten. Ich hab jetzt einen Tag Urlaub genommen, bin hierher gefahren, morgen geh' ich wieder arbeiten, übermorgen fahr ich nach Frankfurt/ Main, und den Tag darauf gehe ich wieder arbeiten. Wenn wir Einladungen in große Säle kriegen, dann spielen wir mit der Band, wenn's kleine Räume sind, dann komme ich halt alleine. Mit Band kannst Du richtig Druck machen, die Leute zum Schwingen bringen, so'n Abend alleine ist weniger Aufwand, ich kann neue Sachen ausprobieren.

Und hast Du Dich manchmal schon gefragt, warum das ganze?

G.G.: Ich schätze, der liebe Gott hat mich auf die Welt geschickt, das zu machen.

Was sind die Werte des Liedermachers und Baggerführers Gerhard Gundermann? Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann Deinen Bagger stehen zu lassen und mit einem S- Klasse Mercedes von einer Cocktailparty zur anderen zu fahren?

G.G.: Den Bagger werd ich stehen lassen müssen, weil in zwei Jahren der Tagebau restlos ausgeschöpft ist. Ich hab auch nichts gegen einen S- Klasse Mercedes, weil das ein sparsames und umweltfreundliches Auto ist, aber auf Cocktailpartys fahre ich gestern nicht, heute nicht und morgen auch nicht. Aber ich habe grundsätzlich nichts gegen ein Auto, das wenig Sprit verbraucht, ich fahr zum Beispiel einen alten Opel, der hat leider nicht einmal einen Kat, nur es dient bestimmt nicht meiner Selbstverwirklichung. Wenn ich nach Hause komme, setz ich mich auf die Terrasse, guck in die Sterne, nehme meine Lütte und meine Katze auf den Schoß. Das ist es!!!

Zitat G.G.: "Die Führer kommen, die Führer gehen, nur das deutsche Volk, das bleibt - doof." Stichwort Nationalstolz und Deutschtum?

G.G.: Ich habe drei Kinder, eins ist am Start, das ist zwei Jahre alt, dann hab ich 'nen Jungen, der ist dieses Jahr aus der Schule gekommen, da haben wir zusammen eine Lehrstelle für ihn gesucht, und dann hab ich noch 'n neunzehnjähriges Mädel, das hat jetzt ausgelernt, die hat 'ne Arbeit gesucht. Und ich weiß, dass das kein Land ist für junge Leute, weil denen immer eingeredet wird, sie würden nicht gebraucht. Und ich glaube, dieser Stolz deutsch zu sein ist das einzige, was ganz armen Schweinen übrig bleibt, es ist doch das letzte, an dem man sich festhalten kann. Ich sehe Leute versacken, die jetzt runtergestuft werden. Wegen Alkohol, etc., und früher gab's immer noch so eine Auffangvorrichtung, die Brigade, die hat sich immer gekümmert, dass jeder zur Arbeit kommt, sonst wären sie nicht 'Kollektiv der sozialistischen Arbeit' geworden. Die haben den früher abgeholt zur Arbeit, sich halbwegs um den gekümmert. Heute, da freuen sie sich, wenn er abgeschossen wird. Dann müssen sie wenigstens keinen anderen entlassen. Das Ans- Deutsche- Klammern ist das Letzte was Dir übrig bleibt, sonst hast Du ja gar nichts mehr, dann bleibt Dir bloß noch, abzusacken. Für mich wäre es wichtig, mit Leuten dahin zu kommen, dass sie mehr finden, dass sie auf ihre eigenen Fähigkeiten stolz sein können, dass sie ihre eigenen Talente finden.

Hast Du so etwas wie ein Heimatgefühl?

G.G.: Ein Kumpel von mir, auf Arbeit, sagt zu mir: Mensch ich wollte ja in die Schweizer Alpen fahren, aber da kostet das Zimmer über 48,- Mark, da bin ich lieber in die deutschen Alpen gefahren. Da hab ich erst einmal gefragt, sag mal, wo haben wir überhaupt Alpen- ach so ja, da musst' ich erst einmal überlegen. Verstehst Du? Ich bin also eigentlich immer ein Weltbürger, der im Spreewald wohnt, und der liegt nun mal in Deutschland. Aber ich rege mich jetzt nicht auf, dass die Deutschen bei der Fußball WM rausgeflogen sind, das ist mir egal, ich hab mich damals gefreut für die Dänen und jetzt für die Bulgaren, dass die nicht so durch Kalkül, sondern durch Freude am Spiel, und wenn's nur Sekunden sind, die entscheiden, gewonnen haben.


Erschienen im Oktober 1994 in der Zeitung des StudentInnenrates der Uni Rostock.

letzte Änderung: 2008-12-17T13:23+0100