Interviews

Auch alte Bagger haben eine Seele.
Zwischen Bühne und Bagger lebt Gerhard (Gundi) Gundermann, und er bewegt sich: „Der 7. Samurai“ heißt seine neue CD.
Ein JW-Gespräch über Kohle, Kumpel, Kunst

Interview: Martin Miersch


Wenn er ein König wär, wäre er auch Chef der Feuerwehr, singt Gundi auf seiner neuen CD „Der 7. Samurai“ (Buschfunk, Tel. 030/4496530). Zuweilen ist man an den Boss erinnert. Bei Gundi sind die 69er Chevys zwar alte Skodas, aber es ist das selbe Lied des kleinen Mannes von der Straße, der schon mit der Hand voll Glück zufrieden wäre und von den glorreichen Sieben träumt, die ihm endlich Gerechtigkeit verschaffen. JW traf sich mit dem „Springsteen des Ostens“.

Ich gehörte zu denen, die nicht an Gundermann + Rockband glaubten. Nach deiner dritten Platte korrigiere ich mich gern. Du mußtest einige „Prügel“ einstecken, hast mehrmals die Band gewechselt, bist aber drangeblieben, was hat dich angestachelt?

G.G.: Eigentlich spielte ich immer mit Band. Ich komme von den „Feuersteinen“. „Männer, Frauen und Maschinen“ war zwar ein Soloprogramm, aber da stand die Band auch hinter mir. Die Solo-Club-Variante entstand mehr nebenher. Am Anfang höre ich die Lieder ja immer im Kopf. Da ist manchmal sogar mehr, als am Ende mit der Band realisierbar ist, aber die neue Platte liegt schon nah an meinen Vorstellungen.

Du singst darauf vom Frieden, den du mit dem großen Gott gemacht hast. Aber auch: „Solange die Zeiger rücken, ist noch alles offen, ist noch alles drin.“ Das ist ein Bogen vom „Sich-ins-Schicksal-fügen“ bis „Nichts-ist-endgültig“.

G.G.: Das ist doch dasselbe. Man arbeitet an dem, was man will. Egal wie es ausgeht. Auch wenn es in eine völlig andere Richtung führt, hört man nicht auf. Ich sage doch nur, daß man sich mit dem Ergebnis abfinden muß, aber trotzdem an seiner Vorstellung weiterarbeiten soll.

In deinem Programm über Carl Schurz hast du zitiert: „Jede Generation hat 30 Jahre Zeit, ihre Ideale zu verwirklichen.“ Wir sind beide der gleiche Jahrgang. Hat unsere Generation ihre Chance verpaßt?

G.G.: Mir hat mal jemand gesagt, wir seien so eine übersprungene Generation. Die Alten wollten ewig nicht weg. Und als sie weg waren, hat die Generation hinter uns uns gleich mit weggeschubst. Vielleicht sind wir die Generation, die beobachtet hat, was die Alten an den Hebeln gemacht haben, und die die Nachfolger ausbildet. Vielleicht ist das unser Job.

In deinen Liedern erscheint immer wieder Gott. Ist das für dich nur eine Metapher oder auch Form von Religiösität?

G.G.: Irgendwie bin ich schon religiös. Ich vermute eine Art großen Weltzusammenhang, hinter den noch keiner so recht gestiegen ist. Den will ich mal „Gott“ nennen. Und zweitens vermute ich hinter allen Dingen Leben und Seele. In jedem Tier, in jedem Baum, in jedem Stein. Also muß man achtungsvoll mit ihnen umgehen. So wie mit jeder Maschine. Ich glaube, ältere Maschinen haben auch eine Seele.

Deinen Bagger hast du nun nicht mehr ...

G.G.: Doch. In elf Tagen habe ich zwanzig Jahre Bergbau. Meinen alten 14-17 traf ich vor acht Jahren in einem anderen Tagebau wieder. Nach 20 Jahren hat man viele Bekannte.

Dein Spannungsfeld lag immer zwischen Bühne und Bagger. Du hast dich gewehrt, Vollprofi zu werden. Nun geht es mit dem Baggerfahren wahrscheinlich zu Ende ...

G.G.: Naja, dazu kann ich jetzt noch nichts sagen.

Denkst du nicht darüber nach?

G.G.: Doch, schon. Aber ich will mich nicht aus den Verhältnissen nehmen. Ich will bis zum Schluß in dem Spannungsfeld drinbleiben. Die meisten, die heute schreien, die Kohle muß weitergehen, die täten liebend gern auch was anderes. Etwas, das weniger dreckig ist und reicht, um ihrer Familie Brot zu kaufen. Aber in unserer Gegend ist nichts in Sicht.

Jetzt wird Druck gemacht. Die einen sagen: Die Kohle muß weitergehen. Die anderen: Unser Dorf muß stehenbleiben. Und die Dritten: Wir wollen Arbeit. Ich denke, es wird darauf hinauslaufen, daß nicht das halbe Volk die ganze Arbeit macht, sondern das ganze Volk die halbe Arbeit. Also die 24-Stunden-Arbeitswoche. Stolpe redet von der Vier-Tage-Arbeitswoche ohne Lohnausgleich. Interessant. Viele wären gern mal ein Jahr arbeitslos, um ihren Keller aufzuräumen oder ihren Zaun zu flicken. Sie müßten nur wissen, daß es hinterher weitergeht. Also ein „Schichtsystem der Arbeitslosigkeit“. Und ich sage dir, da spielen drei Viertel der Bevölkerung mit. Denn alle, die jetzt arbeiten, machen sich tot. Und die keine Arbeit haben, langweilen sich. Das ist doch idiotisch. Man kann doch die Arbeit so verteilen, daß keinem die Decke auf den Kopf fällt und alle Zeit haben, ihre Katze zu kämmen. Nur darauf läuft´s hinaus, wenn Bergleute brüllen, die Kohle müsse weitergehen. Die Forderungen für sich sind zwar manchmal Mist, denn warum Kohle abbauen, wenn sie nicht verbraucht wird? Aber der Druck wird eine neue Qualität erzeugen. Die muß in der Politik entstehen.

Reicht der Druck? In Bischofferode kann einem der Optimismus vergehen.

G.G.: Bischofferode ist eine komplizierte Sache. Die probten 1990 unter Willibald Böck die kollektive Ausreise, um die Volkskammerwahlen zu beeinflussen. Nun haben sie die Quittung. Irgend so ein Fuhrunternehmer, der das Kaliwerk kaufen wollte, war der Treuhand wohl nicht liquid genug. Aber die Leute da unten dachten, mit dem Mann geht es weiter. Neben dem Werktor hing sein Foto mit der Unterschrift: „Wir an Deiner Hand, da geht es vorwärts in diesem Land.“ Tja, wenn sie das noch glauben ... Aber woraus sollen wir lernen, wenn nicht aus solchen Dramen? Vernünftige Lösungen finden erst Mehrheiten, wenn die Mehrheit in der Scheiße steckt. Natürlich kann man kein Kali fördern, wenn man es nicht verkaufen kann. Aber die Leute müssen trotzdem Druck machen. Sonst findet die Politik zu keinen Alternativen. Die Leute wollen nicht unbedingt Kali fördern, die würden auch Solarzellen herstellen oder Sonnenblumen anbauen. Hauptsache, sie kriegen ihre Familie satt. Ich glaube, die Politik ist noch nicht ausgereizt. Auch wenn die Einzelforderungen nicht haltbar sind, ohne Druck gibt es keine Alternativen. Die Losung ist nicht etwa „Bischofferode ist überall“, sondern „Bischofferode muss überall sein“.

Du hast mal gesagt, wenn die Autos nicht langsamer fahren wollen, muß man mit der Panzerfaust kommen.

G.G.: Die Bischofferoder machen nichts anderes. Die sagen: Jetzt läuft es nach anderen Regeln. Mußte ich früher zur Parteileitung, habe ich mir vorgestellt, ich erschiene mal mit einem Löwen. Wenn mir jemand frech käme, würde der fauchen. Nicht mehr zehn gegen einen. Und so ist es, wenn man ein Werk besetzt. Du kippst die Regeln. Die Panzerfaust ist das gleiche: Wenn das Schild „Vorsicht Radarfalle“ nicht „güldet“, muß man das Schild „Vorsicht Panzerbüchsenschütze“ hinstellen. Vielleicht hilft das.


Veröffentlicht in „Junge Welt“, 27. Oktober 1993.

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