Interviews

Ein Samurai mit Seilschaft.
Der Baggerfahrer Gundermann hat ein einzigartiges Rock-Album gemacht

Interview: Ilona Rühmann


Gerhard Gundermann leistet sich ein Doppelleben: Immer noch arbeitet der Sänger als Baggerfahrer in einem Lausitzer Tagebau, nebenbei hat er das wahrscheinlich schönste deutsche Rock-Album des Jahres gemacht: „Der siebente Samurai“. Sein musikalisches Programm – also Texte dichten, Melodien erfinden, Titel aufnehmen, Konzerte geben – muß er in Einklang bringen mit seinem Schichtdienst in der Kohle und einem Familienleben mit drei Kindern. Seine Band heißt „Seilschaft“, gemeinsam sind sie jetzt live unterwegs. Unsere Mitarbeiterin Ilona Rühmann sprach mit Gerhard Gundermann.

Die neue CD ist bereits der zweite Beweis dafür, daß Gundermann auf dem Wege vom Liedermacher zum Rocker ist ...

G.G.: Ich will nicht behaupten, ein Rock-Sänger zu sein. Aber jeder kleine Junge träumt davon, mit einer Band auf der Bühne zu stehen. Ich hab mit „Seilschaft“ eine gefunden. Wir denken uns Songs aus, und Uwe Hassbecker und Rüdiger Barton von „Silly“ wissen, wie das auf Platte klingen könnte. Deshalb haben sie die CD auch produziert. Ein Idealfall von Teamwork. Also eher vom Liedermacher zum Teamworker.

Ist der Sänger ein Zuschußunternehmen für den Baggerfahrer Gundermann?

G.G.: Was ich auf Arbeit verdiene, ernährt meine Familie. Von dem, was die Kunst einbringt, kaufe ich mir eine Gitarre oder ein Auto, mit dem ich zu Auftritten fahren kann. Ich muß mit Musik nicht mein Brot verdienen, muß also Entscheidungen über Kunst nicht mit Entscheidungen über Geld verknüpfen.

Berechnen Sie, was Sie beim Publikum bewirken können?

G.G.: Nee. Wenn ich angestrengt an einer Sache arbeite, wird´s nichts. Eigentlich sind meine Texte gar nicht von mir erfunden. Ich übersetze lediglich, was mir zufließt an Energie. Wie so´n Fernseher. Der erfindet ja auch nicht den Film. Er übersetzt nur Wellen in Bilder. Möglicherweise habe ich für bestimmte Sender einen guten Empfang. Solange sich jemand vor mich hinsetzt, schalte ich an.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen können Sie sich über Mangel an Publikum nicht beklagen. Sind Sie eine Ausnahme?

G.G.: Ich hoffe nicht. Aber die Leute, die in unsere Konzerte kommen, sind eine Randgruppe: die Minderheit, die an morgen denkt. Die gucken sich dann um, zählen durch und finden: Wir sind eigentlich eine ganze Menge. Das ist doch ein produktiver Effekt.

Sie glauben wohl nicht, daß Vernunft noch Mehrheiten bekommen könnte?

G.G.: Da bin ich Pessimist. Und arbeite an der Mehrheit.

Sind Sie in Ihren ökologischen Ansichten radikaler geworden?

G.G.: In meinen Ansichten schon. Aber ich überlasse es den Leuten, ob sie sich meiner Vorschläge bedienen oder nicht. Ich will niemanden agitieren. Wenn du brüllst, halten sich die Leute die Ohren zu. Flüsterst du, kommen sie heran und wollen hören, was du zu erzählen hast.


Morgen, 22 Uhr in der Kulturbrauerei.


Veröffentlicht in „Berliner Zeitung“, 29. Oktober 1993, S. 26

letzte Änderung: 2013-02-27T22:44+0100