Interviews

Gerhard Gundermann – ... trainieren für die Revolution

Interview: Petra Schwarz


Manchmal stockt er mitten im Satz oder fängt ihn gar nicht erst an – sucht nach der gültigen Formulierung oder Erklärung. Er kann herrlich herzhaft lachen, obwohl – oder vielleicht weil – er im selben Moment von seinem Betrieb, dem VEB Braunkohlenwerk Welzow, knallharte Sachen erzählt. Die hätten ihn und seine Kollegen längst verbissen machen müssen, meint man als Außenstehender. Seine Träume aber können ihm all die kleinen und großen Probleme offenbar nicht nehmen.

„Gundi“ Gundermann ist Jahrgang 1955. „Chef“ und Kopf der BRIGADE FEUERSTEIN, und seit 1975 „in der Kohle“. Heute ist er Maschinist für Tagebaugroßgeräte/Baggerfahrer, angefangen hat er als Ungelernter.

Was war es eigentlich, das dich für Lieder interessiert hat?

G.G.: Von der 7. Klasse an hatte ich in Hoyerswerda einen Freund, der Gitarre spielen konnte. Das hat mir gefallen, und ich wollte das auch lernen. Er hat dann mit redlichem Eifer versucht, mir einiges beizubringen – und ich habe zwei Jahre House in New Orleans geübt. Außerdem gab es in unserer Schule – der 14. Oberschule – eine Lehrerin, deren Klassen jeweils fast vollständig den Singeklub stellten. Da habe ich mitgemacht, und wir haben immer viel unternommen. Das ist die ideale Frau für den ersten Schritt gewesen. Gesungen haben wir alles, was die bekannten Klubs sangen: Schaut in unsre Lesebücher von SPARTAKUS oder Chile tanzt beispielsweise. Und schon damals versuchte ich, selber Lieder zu schreiben. Warum, kann ich nicht so genau sagen. Vielleicht aus Geltungsbedürfnis. Als dann die Magister-Brüder weg waren, suchte der SINGEKLUB HOYERSWERDA Nachwuchs. Ich war damals auf der EOS und bin zunächst als Schriftführer in den Klub aufgenommen worden, stand also höchstens ganz hinten auf der Bühne. Als irgendwann dann unser Schlagzeuger ausfiel, hab´ ich meine Chance gewittert.

Hatten die drei Magister-Brüder eigentlich damals in deiner Schulsingeklubzeit für dich eine Bedeutung?

G.G.: Ja, sie waren unsere großen Vorbilder. Ich erinnere mich noch ganz genau: Mit meinem Singeklub war ich mal in einer HOPKOOP-Veranstaltung (HOYERSWERDA-OKTOBERKLUB-PASAREMOS-KOOPERATION). Da standen Reinhold Andert vom OKTOBERKLUB, PASAREMOS aus Dresden und der SINGEKLUB HOYERSWERDA, damals noch mit Udo Magister, gemeinsam auf der Bühne. Das war´s!

Wieso, was war das Besondere daran?

G.G.: Jeder hat „Seins“ gesungen, und trotzdem hat es zusammengehört, war unter einem Hut. Das war eben das, was Singeklub heute auch noch ausmacht: eine demokratische Möglichkeit – ohne Stars. Und das schien für uns nachvollziehbar.

Und weiter?

G.G.: 1973 kam ich zur Armee, war an der Offiziershochschule Löbau. Dort war wiederum kein anderer da, und ich wurde Gitarist des Singeklubs. War also wieder Lückenbüßer, aber das war ein entscheidender Schritt. Dort habe ich viel mehr geschrieben als zu Hause. Unter den für mich neuen Bedingungen konnten sich einfach Dinge entfalten, an die vorher nicht zu denken war. Komponiert habe ich, dreistimmige Satzgesänge ohne eine Note. Das waren richtig gute Sachen für den damaligen Maßstab. Wir machten in dieser Zeit auch Aufnahmen für den Rundfunk. Und meine Leute zu Hause sangen viele Lieder, die ich in Löbau geschrieben hatte. Was noch ganz wichtig war: wir organisierten große Veranstaltungen, zu denen die Soldaten zum Teil verpflichtet worden waren, aber schließlich nicht eher gingen, bevor von uns nicht mehrere Zugaben kamen.

Apropos: Was das An-die-Leute-Bringen der Lieder betrifft, seid ihr, die BRIGADE FEUERSTEIN, ja ohnehin für eine besondere Art und Weise bekannt!

G.G.: Das war von vornherein eine konzeptionelle Frage. Nach meinen Erfahrungen aus Löbau fingen wir 1975 mit einer großen Singe im Klubhaus an. Jeder sollte das, was er in seiner Freizeit macht, mit auf die Bühne bringen oder irgendwie anders in das Spektakel einbeziehen. Dahinter steckt: Die Leute sollen bei uns zu Gast sein. Wir sind die Gastgeber – das zieht sich als Grundmotivation durch alle Entwicklungsphasen.

Power-Fabrik heißt euer Konzert derzeit und beinhaltet sechs – wie du es nennst – Bausteine. Dazu gehören Rock & Theater, Lieder, ein Kinderprogramm, Tanzmusik und „Hausdischko“. „Vier Stunden: schlimmes Theater + gefährliche Spiele + geklaute Musik = Power-Fabrik“ – so steht es auf eurem Plakat. Warum ein derartiger Aufwand? Ist das Selbstbefriedigung oder Wirkungsnotwendigkeit?

G.G.: Auf einem Pressefest der „Wahrheit“ in Westberlin habe ich einmal gesehen, daß man Bier, Bockwurst und das Manifest an einem Stand verkaufen kann ... Wir wollen keine Zustimmung, keinen Beifall. Aber wir wollen, daß sich die Leute für ein paar Stunden aus ihren (Schnecken-)Häusern heraus- und in unsere Power-Fabrik hineinbegeben. Wir wollen sie nicht zu einem Ziel führen, aber vielleicht mit ihnen zusammen an eine Kreuzung kommen, die uns Wege zeigt, die wir allein nicht gefunden hätten. Solche anstrengenden Sachen machen aber die Leute nicht mit jedem und nicht überall. Wenn wir eine Atmosphäre schaffen können, die den Saal zu unserem Wohnzimmer macht, wenn uns die Leute als Gastgeber akzeptieren, dann kann es funktionieren. Dann ist die Power-Fabrik in Betrieb, für uns alle. Wir sind Provokateure, wir wollen Bewegung – im Kopf und in den Beinen.

Gundi, du bist Baggerfahrer im Schichtbetrieb mit allen Belastungen. Du hörst damit aber nicht auf, um Lieder und Programme zu schreiben, Veranstaltungen zu machen, ´rumzureisen und darüber hinaus Jüngere in Liedangelegenheiten zu beraten. Diese Zweigleisigkeit praktizierst du konsequent seit einem guten Dutzend Jahren, woraus wohl zu schließen ist, daß beides nur zusammen geht. Warum?

G.G.: Mit jedem Mal, da ich diese Fragen beantworte, werde ich unsicherer. Klar ist: Die Arbeit, die ich mache, muß gemacht werden. Da kann man nicht einfach den Rücken drehen und gehen, vielleicht dahin, wo es leichter ist. Ich will es nicht besser haben als die anderen. Obwohl die Arbeit hart ist – wenn ich vierzehn Tage Urlaub hatte, zieht´s mich wieder hin. Das ist schwer zu erklären. Lange habe ich gedacht, es ist nur die Arbeit, die ich brauche. Aber es sind auch die Leute, meine Kollegen. Was ich insbesondere jetzt merke, weil ich in eine andere Schicht versetzt worden bin. Da habe ich ein paar Beziehungen verloren, die sich über zwölf Jahre aufgebaut hatten. Auf einmal fehlen sie mir. Und so nach und nach wurde auch akzeptiert, was ich mache, sie sind sogar zu den Konzerten gekommen.

Das ist die eine Seite, und die andere?

G.G.: Ich will den Kopf ´rauskriegen und brauche es einfach, mal ein paar Tage weg zu sein, mit der Truppe. So wie jetzt gerade eine Woche in Akademgorodok in Nowosibirsk zu einem Festival des politischen Liedes. Ich will den Kopf aber auch richtig „reinkriegen“. Wenn der Satz stimmt: „Der gesellschaftliche Fortschritt wird in den ökonomischen Verhältnissen produziert“, dann hab´ ich ja die Nase immer vorn. Aber ich will den Fortschritt nicht nur sehen, ich will ihn auch machen. Da habe ich meine Probleme. Ich habe nicht viel geschafft und bin ziemlich allein geblieben. Ein Grund: Ich bin ein schlechter Organisator. Der zweite: Zu wenig Leute haben gegenüber der Realität eine aktive Haltung. Ich versuche, eine solche aktive Haltung zu provozieren. Und außerdem: Indem ich andere ermuntere, ermuntere ich mich. Um Effektivität geht es, darum, daß man Aktivität nicht nur als Alibi nimmt. Nach dem Motto: „Ich habe es doch versucht“. Wir müssen mit unserem Leben etwas anfangen und ´rauskriegen, was wir können und kein anderer. Das ist für mich so der Punkt. Diese Stadt Hoyerswerda und die Betriebe – das ist ein ständig gleichlaufender Rhythmus. Wie ein Waffeleisen, das jeden Tag zuschlägt. Und da kommt immer dasselbe ´raus ... Mich interessiert, was über das Waffeleisen drüberguckt. Und wie die Leute sich das erhalten, was da drüberguckt. Oder anders: Wie Individualität aufgebaut und behauptet wird.

Kommen wir doch mal von deiner Arbeit in der Produktion weg, hin zu dem „zweiten Gleis“. Was können im eben besprochenen Sinne Lieder – und warum machst und brauchst du sie?

G.G.: Erst einmal mache ich Lieder nicht unbedingt für andere Leute. Hier trifft auch zu, daß alles, was ich mache, ja immer auch für mich ist. Wenn ich anfange, über eine Frage nachzudenken – und daraus vielleicht ein Lied entsteht – weiß ich am Anfang auch nicht mehr als andere. Wenn du eine Sache zu Kunst verarbeitest, schaffst du dir eine aktive Distanz dazu. Du bist ihr nicht mehr ausgeliefert. Du versuchst, dich von deinem unmittelbaren Arbeitsgebiet abzuheben und den Prozeß als ganzen zu erfassen. Damit auch deine eigene Rolle – in ihren Möglichkeiten und Potenzen. Du fragst dich, welche Chancen du in dieser Rolle hast. Hast du keine, nimm dir´n Strick oder eine andere Rolle. Um den Prozeß Arbeit in Kunst zu verwandeln, deshalb mach´ ich das, und um die Distanz und den Überblick zu kriegen. Also – ohne Arbeit in der Produktion keine Kunst, keine Lieder. Insofern existiert ein Zusammenhang.

„Vom Schattenboxen hängt mir schon die Zunge ´raus“, singst du in einem Lied. Könntest du deine Kraft und Ideen anstelle des Schattenboxens“ für etwas anderes einsetzen, wofür wäre das?

G.G.: Ich habe viele Biographien gelesen. Ehrenburg, Eisenstein, Schurz und andere. Die haben sich alle gekannt, haben sich gestritten und sich geholfen. Über den ganzen Erdball waren sie verteilt und doch miteinander verbunden. Nun sind die Giganten tot. Und wir müssen heute dieses zerrissene Netz neu aufbauen. Es muß so sicher werden, daß man darin die Erde auffangen kann, damit sie nicht runterfällt. Wer soll so ein Netz knüpfen? Wer ist in globalen Dimensionen miteinander verbunden? Die Arbeiter und die Künstler. Ich bin beides – ich fühle mich heute schon wie ein kleiner Knoten in diesem Netz. Ich arbeite zusammen mit einem vietnamesischen Elektriker und einem mocambiquanischen Schlosser, in der Hand einen polnischen Patentschraubenschlüssel, mit dem ich einem Sorben auf einer japanischen Raupe im chinesischen Arbeitsanzug Zeichen gebe, worauf der schreit, daß ich meinen Hintern in amerikanischen Jeans etwas schneller aus seiner Fahrtrichtung nehmen soll ... Ich schalte das Radio an, Gina Pietsch spricht. Lutz Kerschowski singt. Ich lese in der Zeitung einen Artikel von Thomas Otto. Wir kennen uns, alles Leute aus der Singebewegung. Wir verlassen uns aufeinander. Natürlich ist das alles noch kein Netz, keine Dimension. Aber es ist der Anfang zu etwas, das Völkerverständigung heißen kann. Wenn man füreinander arbeitet, sich kennt, sich gegenseitig inspiriert, sich auftankt, dann ist Fortschritt möglich. Dann ist es möglich, das Netz eher fertig zu haben, als die Konflikte explodieren.

Müßte, um dieserart Träume zu realisieren, nicht doch das Liedermachen deine Profession sein?

G.G.: Ich habe ja nicht nur den einen Traum, Sänger zu werden. Eigentlich sind es fünf Träume. Also: Ich will so ein Arbeiter sein, wie ich mir das vorstelle. Ich will so ein Vater sein, wie ich noch lange keiner bin. Ich will so´n Mann sein und ein Sänger, und ich will so´n Ding zwischen Clown, Schreiber und Regisseur sein. Das alles geht aber nur – und nun muß ich darauf zurückkommen – in dieser Zweigleisigkeit. Das ist wie Motor und Getriebe. Der Motor ist das, was ich auf meinem Bagger mache. Und das Getriebe ist das, was ich mit der Gitarre mache. Manchmal kannst du mit dem Getriebe den Motor wieder anschmeißen. Aber erst einmal gibt es da so einen Primär-Sekundär-Effekt. Und Motor und Getriebe gehören zusammen. Jedes für sich allein ist nichts. So, wie ich das mache, kann ich es eben nur in diesem Umfeld. Was hier passiert, ist hochinteressant. Schon aus Neugier muß ich immer wieder hin. Ich will wissen, wohin sich das entwickelt. Ich investiere mich ja auch. Klar, manchmal bin ich schon neidisch auf andere Liedermacher, die mehr Möglichkeiten haben. Aber eigentlich gibt es keinen, bei dem ich sagen würde, mit dem möchtest du tauschen. Meine Idealvorstellung ist, daß ich gern beides je zur Hälfte machen würde: zehn Schichten auf dem Bagger und zehn Schichten in der Kultur. Doch ich könnte keines von beidem aufgeben.

„Aber irgendwann kann man nicht mehr: Theaterspielen – nur aus Spaß und Laune, Lieder singen – nur, wie einem der Schnabel gewachsen ist, Texte schreiben – mit nichts weiter als dem ‚gesunden Menschenverstand’. Wir müßten uns mal qualifizieren. Aber die Frage Gitarre oder Stethoskop steht für uns nicht. Nicht mehr. Der Beruf ist zu wichtig geworden und zu sehr Teil von uns, als daß wir ihn noch aufgeben könnten. Einziger Weg also: Jeder sucht sich einen, seinen Sektor, wo er sich und die anderen von uns qualifiziert ...“. Das schreibst du in „Feuersteins Brigadeplan“ 1982. Was ist dein Qualifizierungssektor?

G.G.: Ich will jetzt, zwischen 30 und 40, noch einmal studieren. Philosophie oder Wissenschaftlichen Kommunismus oder Literatur, im Fernstudium natürlich. Auf der Liederstrecke im engeren Sinn kann ich mich nicht mehr qualifizieren. Ich werde nie besser Gitarre spielen. Mich reizt etwas anderes. Jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens ist zu einer kleinen, eigenen Welt geworden – mit eigenen Fragen und Antworten. Aber manchmal knobeln wir in der einen Welt an einem Problem, das in der anderen lange gelöst ist. Das ist die Chance für die Pendler zwischen den Welten. Ardenne ist so einer. Der löst medizinische Probleme mit physikalischen Formeln. Ich will auch so einer sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Probleme, die im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich nur im Flüsterton angegangen werden, parallel in der Ökonomie schon lange geklärt worden sind. Daß da, wo sich Ökonomen ratlos den Nacken kratzen, parallel in der Kunst schon lange kühne Modelle existieren. Ich würde da gern etwas zueinander bringen. Aktionen meinerseits müßten also von all dem etwas haben: Konzerte und Ideenkonferenzen, zum Sehen, Hören und Anfassen, zum Denken und Tanzen. Ein Spielplatz, auf dem wir für Demokratie und Zukunft trainieren.


Das Gespräch fand im Mai 1988 statt.


Veröffentlicht in:
Petra Schwarz, Wilfried Bergholz: „Liederleute. 28 Porträts“,
Lied der Zeit, Musikverlag Berlin 1989, S. 83-90

letzte Änderung: 2013-02-11T23:43+0100