Interviews

BRIGADE FEUERSTEIN im Gespräch

Interview: Astrid Volpert


Kürzlich sah ich während der Kulturtage in eurer Stadt Hoyerswerda Ausschnitte eures neuen Programms, einer Art Montage von Szenen („Das Match“) und Liedern. Ich bemerke darin eine konsequente Fortführung eurer langjährigen Auseinandersetzung mit der Krabat-Figur Jurij Brežans; den Versuch, aktuell Brisantes dem Zuschauer mit vorwiegend komödiantischen Mitteln des Musiktheaters aufzudecken; Fragen der Strategie und Taktik der Arbeiterklasse im revolutionären Weltprozeß, Probleme der Einheit der fortschrittlichen Kräfte im Friedenskampf, wie sie z.B. die „Tigerszene“ deutlich macht. Ihr arbeitet verstärkt mit Legenden, Fabeln, parabelhaften Elementen. Diese Thematik und die von euch bevorzugten künstlerischen Mittel ihrer Umsetzung haben einige, eure gesamte Arbeit und Entwicklung betreffende Fragen aufgeworfen. Mich interessiert dabei besonders euer Verhältnis zur Landschaft, in der ihr zu Hause seid, zur Geschichte im engeren wie weiten Kreis und zu Kindern. Diese drei Bezugspunkte entdecke ich in fast allen BRIGADE-FEUERSTEIN-Programmen.

Gerhard, du bist seit 1972 im Klub und Texter der FEUERSTEINE. Beruflich findet man dich im Dreischichtrhythmus als Baggerfahrer im Tagebau Spreetal. Wie beeinflußt diese unmittelbare Arbeitslandschaft dein Schreiben?

Gerhard Gundermann: Meine Arbeit halte ich für bedeutsam, weil sie ein extremer Prüfstand für sehr wichtige allgemeine Haltungen und Verhaltensweisen ist. Zum Beispiel in der Frage von Risikobereitschaft und Disziplin, von Unterordnung und Entscheidungsfreudigkeit. Du bekommst unmittelbar zu spüren: Hier herrscht eine hohe materielle Verantwortung pro Kopf, und ein Fehler kann bis zu Millionen kosten. Andererseits kannst du Tausende Mark zusätzlich rausholen. Die Frage, ob man sich da Gedanken macht oder nicht, steht hier verschärfter als anderswo. Doch das Modell ist im Grunde genommen übertragbar auf andere Bereiche der Ökonomie in der sozialistischen Gesellschaft. Ich habe das als Texter des „Casino“-Programms für die Berliner Gruppe REGENMACHER und in einer anderen Geschichte für den Singeklub der BBS Schwarze Pumpe zu gestalten versucht.

Bleiben wir noch beim Thema „Landschaft“. Es schließt ja nicht nur den möglichen Stoff für neue Themen, sondern auch Euer Publikum mit ein. Oft hört man in Singeklubs von Schwierigkeiten, breite Resonanz bei eigenen Auftritten zu finden. Dabei wird zumeist auf einseitige Erwartungshaltungen der Zuhörer verwiesen. In Hoyerswerda jedoch zählen die Konzerte der BRIGADE FEUERSTEIN zu den kontinuierlichen, am meisten besuchten Jugendveranstaltungen, auch an den Wochenenden, den landesüblichen Disko-Hoch-Zeiten. Wie macht ihr das?

Alfons Förster: Eine Menge Leute wissen, daß wir mit Politik auch den kritischen Umgang mit uns selbst meinen. Und da eine Menge Leute hart arbeiten müssen, um in unserer Gesellschaft zurechtzukommen, sind unsere „roten Lektionen“ gut besucht. Aber diese Leute würden ohne weitere differenzierte Angebote nicht dranbleiben. Ich halte es daher für ganz wichtig, daß wir mit den unterschiedlichsten Veranstaltungsformen für verschiedene Altersgruppen und soziale Schichten unseres Publikums planen. Angefangen von den Kinderfesten mit unseren Märchenspielen, über die Schülerkonzerte bis zum Freitags-Spectaculum, in dem die drei aktuellen Bausteine unseres Repertoires miteinander verbunden sind. Diese Differenzierung ermöglicht uns, mit unserem Publikum der Stadt und Umgebung über einen längeren Zeitraum in Kommunikation zu bleiben.

Gerhard Gundermann: Ich will es mal zugespitzt formulieren: Hoyerswerda ist so etwas wie eine kulturelle Provinz. Das ist ohne Negativwertung erst mal ein Fakt, der von Nichteinheimischen schnell wahrgenommen wird. Aber wer in dieser Gegend lebt und arbeitet, merkt, daß gerade hier ein Bedürfnis nach kulturellen Möglichkeiten wächst. Solche Leerräume sind für uns die Chance, uns reinzuhängen. Die Stadt hat 14000 Jugendliche im „tanzbaren“ Alter und dazu ein Jugendklubhaus. Das neue, große läßt auf sich warten. Also, sagten wir, lassen wir uns was einfallen, lasten wir das alte erst mal aus. Den großen Saal und einige Klubräume, in diesem Jahr haben wir sogar noch einen Singekeller angebaut und eingerichtet. Der eignet sich hervorragend für kleinere Veranstaltungen und Auftritte. Bei dem Interesse für uns spielt nämlich auch mit, daß unser Publikum merkt, die auf der Bühne reden bzw. singen nicht nur Kluges dahin, sie tun auch etwas Konkretes dafür. Die wollen nicht die „hohe Kunst der Politik“ dozieren, sondern sich mit uns unterhalten, ins Gespräch kommen, lassen sich auch belehren. Das heißt für unsere Programmgestaltung, daß wir auch eine Ader für Disko, Trickfilme, Jazz, Chanson oder Rock haben.

Im Zentrum Eurer Tätigkeit bleibt trotzdem das politische Lied. Eure Veranstaltungen tragen durchgängig politischen Charakter. Die Politik wird hier produziert als ein Denkvergnügen, das aus dem Spaß am Erkennen gesellschaftlicher Zusammenhänge und Einsichten wächst. Mir ist aufgefallen, daß ihr dafür meist den geschichtlichen Beleg im Befragen des Vergangenen sucht. Historische Persönlichkeiten, teilweise aus der Literatur, tauchen oft auf. Das reicht von Ilja Muromez über Krabat bis hin zu Ernst Busch. 1976 habt ihr euer erstes Krabat-Programm, eine Montage von Szenen und Liedern, vorgestellt. Die Figur des sorbischen Zauberers hat auch alle folgenden Programme von Euch beeinflußt. Nicht immer gab es volle Zustimmung dafür bei Publikum. Was interessiert dich als Texter, Gerhard, an diesem historischen Stoff für die Gegenwart?

Gerhard Gundermann: Den Anstoß gab damals Jurij Brežans Roman. Seine darin erzählten konkreten Geschichten in Gestalt von Legenden, Parabeln setzen Menschliches und Menschheitliches, Heutiges und Historisches ins Gleichnis. Nimm das Beispiel von der Erschaffung der Welt. Ich finde, das geht nicht prägnanter zu sagen: den Grundwiderspruch aufzuzeigen und dazu noch humorvoll. Krabat, das ist für mich der sorbische Ulenspiegel; einer, der auf der Suche nach dem Glücksland durch die Zeiten zieht, ständig in Kämpfe mit Wolf Reissenberg verwickelt wird, dabei unterliegt, der nie gesiegt hat und doch seine Unterlegenheit mit Witz und Courage trug und immer wieder nach vorn geprellt ist. Heute, wo es um die Grundfrage Krieg-Frieden geht und die friedliche Koexistenz die einzige Chance der Völker der Welt ist, halte ich diese Thematik immer wieder für interessant.

Aber sind uns nicht der Übertragung unserer heutigen komplizierten Prozesse in der sozialistischen Gesellschaft, beispielsweise in der Beziehung Leiter-Arbeitskollektiv, durch märchenhafte Vereinfachungen von gut und böse oder die Wahl phantastischer Elemente beim Aufzeigen der Lösungen doch Grenzen gesetzt? Werden die realen Probleme da nicht zumindest teilweise unterschätzt?

Gerhard Gundermann: Das wäre auf lange Sicht in der Tat eine Gefahr. Sicherlich werde ich Krabat für künftige Arbeiten jetzt erst einmal beiseite legen. Denn mir scheint auch, daß wir im politischen Lied mehr, tiefer und differenzierter die DDR-Entwicklung, die innere in der Dialektik mit dem Weltprozeß im Blickfeld haben müssen. Übrigens habe ich auch bei Auftritten in anderen Bezirken der Republik gemerkt, daß die Zuschauer dort im Umgang mit Legenden und Sagen nicht sehr geübt sind. Unsere Kinder kennen ja oft nur das dicke Grimm-Buch.

Ist das vielleicht auch ein Grund, aus dem ihr euch schon mehrfach an modernen Märchen versucht habt? 1977 entstand nach Gerhards Textbuch „Raskadonien“, und 1979 habt ihr den Hacks-Text „Das musikalische Nashorn“ im Klub vertont und in Szene gesetzt. Warum arbeitet ihr so langfristig und konzentriert mit Kindern?

Alfons Förster: Neben praktischen privaten Erwägungen – fast alle von uns haben selber welche – hoffen wir natürlich auch auf unser künftiges Publikum. Die musikalischen Bedürfnisse haben doch ganz eng mit Fragen der Erziehung ästhetischer Gewohnheiten, Erfahrungen, mit der Fähigkeit, Geschmack und Genuß zu empfinden, zu tun. Je früher darauf Einfluß genommen wird, auch außerhalb der Schule, des Kindergartens, desto besser. Gerhard erwähnte am Anfang ja schon unseren „Stufenplan“ dafür. Kurz und mit Brecht gesagt: Entwicklung einer neuen Zuschau-Kunst.

Ihr seid von Beruf Lehrer, Arbeiter im Dreischichtsystem, nur einer von euch hat als stellvertretender Klubhausleiter auch im Hauptberuf ein kulturelles Amt. Wie steht es da mit künstlerischen Anregungen für eure Brigadearbeit? Woher nehmt ihr sie?

Gerhard Gundermann: Mit deiner Frage triffst du eine wunde Stelle. Die gute Seite des hautnahen Dran- bzw. Drinseins in gesellschaftlich bedeutsamen Prozessen vor allem der Ökonomie hat natürlich auch ihre Kehrseite – die Gefahr, schnell aus einer zwar im Detail genau einsehbaren, überprüfbaren Wirklichkeit durch ungefilterte Abbildung auf der Bühne in provinzielle Sicht zu geraten. Inhaltlich, künstlerisch. Das hat u.a. damit zu tun, daß unsere Anregungen, die Erfahrungen von außerhalb, größtenteils zufällig sind. Von Kontinuität läßt sich schwer sprechen. Unser erstes Handicap ist der verschiedene Arbeitsrhythmus der einzelnen Mitglieder. Meist läßt sich nur das Wochenende für konzentrierte Studien und Proben nutzen. Aber da sind auch gleichzeitig Auftritte. Oft wird abends vorgestellt, was am Morgen entstanden ist. Vieles kommt dann erst einmal halbfertig auf die Bühne. Zu deiner Frage nach den künstlerischen Anregungen. Bei mir bestehen sie zur Zeit vor allem im Aufarbeiten von Büchern, Brechts Lehrstücken, den Piscator-Revuen beispielsweise. Meine Grunderfahrungen sind die Beatles und SCHICHT, Vorbilder wie das in anderen Ländern traditionellere Straßentheater und zum Teil auch Kabarett. Ich weiß, über längere Zeit ist das zu wenig. Deshalb stürze ich mich auf jede Möglichkeit, einen größeren Einblick zu gewinnen. Singe-Werkstattwochen, Festivals des politischen Liedes, die Liedermacher-Seminare in Petzow. Mit großem Interesse erwarte ich auch die erste Werkstatt „Lied und Theater“, die die Akademie der Künste und die Politische Bühne im November diesen Jahres in Dresden ausrichten.

Alfons Förster: In einem Laienensemble wird die künstlerische Anregung immer Stoßarbeit bleiben. Man muß deshalb nüchtern einschätzen, was mit jedem neuen Programm real an Erkenntnissen und Erfahrungen dazukommen kann und muß. Die Frage ist, wie wir das noch besser organisieren können. Mir fällt da eine nützliche Form bei einem unserer letzten Projekte ein, bei der Gestaltung der Ernst-Busch-Matinee zum achtzigsten Geburtstag des Volkssängers. Mitarbeiter der Akademie der Künste kannten unseren „Koraktor“, und wir bekamen vom Liedzentrum der Akademie das Angebot, über Ernst Buschs Persönlichkeit ein Programm von uns zu entwickeln. Wenn ich jetzt rückschauend auf diese Arbeit blicke, so waren das wichtigste für uns die Gespräche während der Realisierung mit Genossin Irene Busch und den Regisseuren Wolfgang Pintzka und Erwin Burkert.

Zum Schluss noch eine Frage nach Euren Vorstellungen und Plänen zu künftigen Liedern, Programmen, die die BRIGADE FEUERSTEIN machen will.

Gerhard Gundermann: Was mich an Reaktionen von Jugendlichen, aber auch anderen Bürgern bei uns heute am meisten ärgert, sind Mutlosigkeit gegenüber auftretenden Problemen und Schwierigkeiten und ein Ergebensein statt Fragenstellen, Diskussion, um die beste Lösung, den klügsten Vorschlag anzunehmen. Und mich ärgert da auch eine gewisse Verbissenheit, die ich registriere, wenn wir diese Dinge im Lied oder Theater behandeln. Mehr als Darstellung von Zuständen interessiert mich deshalb die Haltung, die gebraucht oder eingenommen oder noch nicht genug eingenommen wird. Ich halte es für wesentlich, daß wir mit den Mitteln der Kunst mit unserem Publikum gemeinsam Spiele machen, die Mut produzieren und so mithelfen, die Veränderbarkeit unserer Gesellschaft zu verwirklichen. Für das politische Lied wünsche ich mir dafür eine Nähe zum Volk, wie sie beispielsweise das Kabarett hat, verbunden mit einer tieferen Wirkung. Übrigens habe ich mir für die eigene Arbeit einen Satz von Volker Braun dick unterstrichen. Er sagt, daß die Bühne der Modellbaukasten für die gesellschaftliche Entwicklung sei, weil die Fehler hier kein Geld kosten. Unsere Erfahrungen müssen wir mit unserem Publikum sammeln.


Das Gespräch mit Gerhard Gundermann, Texter, und Alfons Förster, musikalischer Leiter der BRIGADE FEUERSTEIN, fand im Mai 1980 statt.


Veröffentlicht in „Temperamente. Blätter für junge Literatur“, Heft 4/1980, S. 94-99

letzte Änderung: 2013-02-11T23:33+0100