H.-D. Schuett
Hans-Dieter Schütt
23.02.2015

Gerhard Gundermann - ein Blatt zum 60. und darüber hinaus

„Es lebe der Fehler!“

Er wäre am vergangenen Sonnabend sechzig geworden - und hätte die Geburtstagsfete also nun schon hinter sich. Aber er hat nicht sechzig werden dürfen, und so gehen die Feten noch ein paar Tage oder Abende weiter, Konzerte, Filme. Erinnerung nimmt sich die Zeit, die man sich nicht nimmt, so lange man mehr mit Leben als mit Erinnerung beschäftigt ist.

Gerhard Gundermann schuf ein Werk. Nun wartet er. Das ist die Haupttätigkeit eines Poeten in fortlaufender Zeit. An der er nicht mehr beteiligt ist. Woran nicht mehr beteiligt? Am Fortrennen der Zeit - daran ist Gundermann wahrlich nicht mehr beteiligt, das stimmt, das war er nie. Er rannte nicht mit der Zeit, er rannte nicht neben ihr, er rannte ihr nicht hinterher, aber er rannte in sie hinein. Wollte sie aufhalten oder ändern oder umarmen oder knuffen oder alles zusammen. Er missachtete die Zeit, sie war ein Dieb, sie stahl so viele Möglichkeiten, etwas aus ihr zu machen - später dann wuchs seine Achtung vor der Zeit, sie half, sich angesichts des wachsenden Bewusstseins von der Kürze der Existenz zu konzentrieren. Aufs Wesentliche. Man weiß oft erst zu spät, was das Wesentliche ist. Gundermanns Poesie erzählt's.

Er bleibt auch als Gestorbener ein Vor-Läufer aller, die noch leben. Was er schrieb, war, ist - und wird. Er war ein Sänger, von dem man ahnen durfte, dass er sich auf Wegen zu einem großen Dichter befand. Das macht seine Musik, seine Lieder nicht geringer, aber die Texte erhöhen sich täglich mehr. Was ist, wenn wir einer Dichtung begegnen? Du besteigst Berge, die du dir nur einbildest, du stürzt nur in der Phantasie ab - und blutest trotzdem.

Wie er Avantgardist des sozialistischen Engagements war, des unablässigen Drachentötens, so wurde er nach den Abenteuern dieser ständigen Vergesellschaftung des eigenen Ichs ein Avantgardist der Melancholie, des Sinnumwandels von Verlusten. Aus einer Poesie, deren Schöpfer doch nie wusste, dass er auf frühen Abschied zuschrieb, tauchten nun letzte Dinge der Existenz auf, als seien sie ein einziges Blühen. Und bleiben doch traurigste Dinge. Und begleiten uns. So wird er als Dichter dringlicher und dringlicher. Über die Menschen "ausm tagebau" schrieb er: "die haben harte hände und ein hartes herz/ die streiten ohne ende und die sterben früh/ die suchen ein vergnügen/ und finden nur den schmerz/ die können lügen aber leben können die nie". Eine Aussage nur über Leute von damals? Und über den Ort, an dem alles anfängt: "hier bin ich geborn/ so wie ins wasser fiel der stein/ hier hat mich mein gott verlorn/ und hier holt er mich wieder ein". Und den Fährmann sieht er, der nimmt die "bleichen seelen" ins boot, die wollen "weg vom hunger, weg vom durst/ weg vom schnaps und von der wurst/ weg vom geld und weg vom salz/ weg vom fenster und vom hals". Wir sollten sie gehen lassen, "lasst sie noch mal die enkel sehen/ und überm haus ne wende drehn". Das ist Gundermann: Weit entfalten können wir die Schwingen unseres Denkens und Fühlens. Aber das ist Gundermann ebenfalls: Selbst die hellsten Schwingen werfen dunkle Schatten.

Wenn ich ihn heute lese, dann mit tiefem, stillem Verwundern darüber, dass sich das Erleben des Menschen und die nicht zu tilgende Leere der Existenz für einen Dichtungs-Augenblick ausgleichen können. Also: romantischste Liebe, jungenhafter Witz, gelöste Stimmungen. Vitalität und Bildmagie, und das alles im Bannkreis des Zweifels und der Skepsis und der Vergänglichkeit - als grüße, von ganz nah, Arthur Rimbaud. Als habe jemand von den Antworten zurück zu den Fragen gefunden, es ist dies stets die schwierigste Expedition. So lebte er, als sei jeder Schritt in eine Falle nur ein anderer Schritt in die Freiheit. Er hat mal gesagt, seine Verse seien wie ein Fenster. Das kann beschlagen sein, zerkratzt, voller Eisblumen, es kann Sprünge haben von Steinwürfen, kann beworfen sein von Dreck, kann die Sonne spiegeln oder die verschmierten Buchstaben einer Kinderhand. Du kannst es öffnen, das Fenster. Dahinter ist Welt.

Sein Werk macht uns Gedanken über diese Welt - und zwar zur Umkehr. Denn was bahnt sich als Zukunft an? Eines Tages wachen wir auf in einer unbewohnbaren Welt, in der aber alle Leute glückselig lächeln und beseelt davon reden, sie seien im Paradies ihrer Unverwechselbarkeit. Doch im Grunde schaffen wir uns ab in dem, was wir uns anschaffen. Und wir merken nicht, dass jedes moderne Design, dessen König wir sein wollen, uns doch nur missachtet und verachtet. Im neuen Zeitalter kaufen die Menschen ihre bloße Existenz in kleinen kommerziellen Segmenten. Wir sind Kunden, und als solche sehr umworbene Wesen. Wir brechen auf, wohin auch immer, von Flughäfen oder Bahnhöfen, die haargenau denen des Ankunftsortes ähneln. Wir streifen durch Innenstädte und Einkaufspassagen, von denen das eine die Kopie des anderen ist. Wir übernachten in Hotels, die aus der gesamten Welt ein einziges, immer gleiches Zimmer machen. Wir erholen uns in Ferienhäusern, die am Fließband produziert wurden. Und eines Tages merken wir gar nicht mehr, dass wir aus Versehen, statt in die eigene Wohnung zu gehen, das Haus oder die Wohnung des Nachbarn betreten - in dem es leider so zeitgemäß schön, so modisch individuell, mit anderen Worten: so öde gleich aussieht wie bei uns daheim.

Nun ist der Mensch zum Glück aber so gebaut, dass er solche Entwicklungen zwar begierig anstößt, gleichermaßen jedoch ein Wesen der Verzögerung bleibt. Ein Wesen, das den selbst eingeleiteten Prozessen mit einem beharrenden Gefühlshaushalt hinterherhinkt und dabei seltsam haltbare Mechanismen der Verlangsamung aufbietet. Das ist der Gundermann in uns. Die Hoffnung also.

Der Schweizer Theaterregisseur Luc Bondy hat einmal beschrieben, was er unter Individualität versteht, und es könnte von Gundermann stammen. Er träume den Traum vom gesellschaftlich legasthenischen Menschen, der also Lernschwierigkeiten hat, wenn es ums Verständnis neuester Verhaltensregeln geht: "Ich mag Leute, denen man ansieht, dass sie immer ein wenig zurückbleiben; ich fühle mich unter Menschen wohl, die wie Ansichtskarten sind, die einer geschrieben hat, der beim Diktat regelmäßig falsch schreibt - da ein Komma zu viel, da ein Tintenklecks, da ein Buchstabe ungelenk übermalt, da eine falsche Silbentrennung, die Schrift immer ein wenig schleppend, hinkend, keine Leistungssportler der unangreifbaren Lebensgestaltung und absolut harmonischen Signalgebung; solche Post lebt, hat Atem und wirkt auf mich ganz anders als die glatte, unbefleckte, lupenreine, aber eben völlig unpersönliche Schrift eines Computers."

Der US-amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin bezeichnet die "Pflege und den Schutz des individuellen Fehlers" als Schlüssel zum Selbstwert in modernen Gesellschaften. Ganz "Ich" zu sein, das findet nicht dort statt, wo das Leben nach neuester Verhaltensmode funktioniert. Ganz bei sich selbst ist der Mensch höchstens in Räumen, wo das Leben noch unterdrückt wird von etwas keck Altmodischem, Behäbigem, Störrischem, wo ein Bedürfnis also nicht gleich auch noch mit dem Auftrumpfen seiner Rechtmäßigkeit und Zeitgemäßheit daherkommen muss. Da, wo ihm noch etwas fehlt, auch wenn man scheinbar alles hat - da ist das Leben am lebendigsten. Dass etwas fehlt und dass dies bitter und belebend zugleich ist, weil es Sehnsucht und Enttäuschung in spannender Waage hält - das kannst du in jedem (jedem!) Gundermann-Text erfahren. Ihm geht es in seinen Versen darum, alles zur Macht Gekommene mit dem eigenen Gefühl zu prüfen, und zwar mit jener Art von Empfindlichkeit, mit der man Essen und Trinken zu sich nimmt - also: sich nur gefallen lassen, was einem bekommt. Man kann die Welt auch dadurch bewohnbar machen, dass man mit einer unerfüllten Sehnsucht in ihr bleibt. Mit einem Makel. Mit etwas, dessen wichtigster Impuls nicht Vorzeigbarkeit ist, sondern Geheimnis, Frage.

Beharre ein jeder in den Farben und Formen seines Lebens auf dem, was er anders fühlt und anfühlt als der andere Mensch, was er anders wahrnimmt als andere Leute. "Ich bekomme nie das, was ich will, aber ich habe alles, was ich brauche." Sagte auf schöne Weise der Arbeiter und Poet Gerhard Gundermann.

Es wird bleiben als eine Faust voll von Steinchen und Samenkörnchen, in den Wind der Geschichte geschmissen, schütteres Kornfeld, zum Lesen.

 


Dieser Artikel entstand eigens für die Website von Gundermanns Seilschaft e.V.

letzte Änderung: 2015-03-03T11:51+0100