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50 Jahre Festival des politischen Liedes (Musik)

verfasst von Beate(R), 06.04.2020, 08:32
(editiert von Beate, 06.04.2020, 08:37)

Teil II
Ideelles Andocken an die Kämpfe
der Zeit

Lieder, die den Weg nach Berlin fanden,
hatten an die nationalen wie die globalen
Kämpfe der Zeit angedockt und bezogen
linkerseits einen Standpunkt. Unser Bewußtsein von den Siegen und Niederlagen
erhielt mit ihnen einen Klang.
Besonders eindrucksvoll war
die sommerliche Spezialausgabe
„PLX“, die zu den X. Weltfestspielen in Berlin über 100 Gruppen
und Solisten aus 45 Ländern
und fünf Kontinenten zusammenführte. Sie fanden Hunderttausende Zuschauer an den
Veranstaltungsorten, auf den
Straßen und Plätzen. Reinhold
Andert und ich hatten unseren
Festivalsong „Wir sind überall
auf der Erde!“ genannt. Das war
in Berlin zum Greifen nah. Was
für ein beglückendes Gefühl, mit
Gleichgesinnten aus allen Ecken
der Welt gemeinsam zu kämpfen
und zu singen! Damals zum Beispiel mit den „Iritis“ vom Sieg
der Unidad Popular in Chile.
Nur Wochen später kamen die
Nachrichten von Pinochets blutigem Putsch und vom Tod Salvador Allendes. Daß „Inti lllimani“
und „Quilapayun“ zu jener Zeit in
Europa gastierten, bewahrte sie
vor dem Schicksal Victor Jaras,
der im Zentralstadion von Santiago ermordet wurde.
Noch so viel mehr klang in den Liedern der
Festivals. Der sandinistische Sieg in Nikaragua bei den Gebrüdern Godoy, die Sehnsucht
Lateinamerikas nach nationaler Selbstbestimmung, indigener Würde und Befreiung von der Rolle als Hinterhof der USA bei
Mercedes Sosa, Atahualpa Yupanqui, Leon
Giecho oder den Gebrüdern Viglietti. Der
revolutionäre Stolz Kubas bei Pablo Milanes,
Silvio Rodriguez oder der Gruppe Manguare.
Der Triumph der portugiesischen Nelkenrevolution bei José Afonso. Die Solidarität mit
den Kämpfern gegen die südafrikanische
Apartheid bei Miriam und Bongi Makeba
oder Abdullah Ibrahim. Die Niederlage der
amerikanischen Aggressoren in Vietnam
(„Alle auf die Straße, rot ist der Mai. Alle
auf die Straße, Saigon ist frei!“). Dann die
Songs aus dem Alltag der kapitalistischen
Länder Westeuropas und Nordamerikas,
über Streiks, Aktionen gegen Wettrüsten
und Krieg, soziales Elend, Arbeitslosigkeit
und Bildungsmiseren (von Billy Bragg, Eric
Bogle, bots, Fria Proteatern sowie von unseren westdeutschen Sängerfreunden Franz
Josef Degenhardt, Fasia Jansen, Dietrich
Kittner, Dieter Süverkrüp oder Hannes Wader). Proletarische und antifaschistische Traditionen lebten in Vorträgen von Ernst
Busch und Konstantin Simonow, von Gisela
May, Esther Bejarano, Lin Jaldati oder Aleksander Kulisiewicz. Die delegierten Gruppen aus den europäischen sozialistischen
Bruderländern waren mehrheitlich noch auf
der Suche nach wirklichkeitsnahen Songthemen, während Shanna Bitschewskaja
aus der Sowjetunion oder Katarzyna Gärtner, Maryla Rodowicz und Czeslaw Niemen
aus der Volksrepublik Polen dicht an ihren
Realitäten blieben. Mit der Zeit weitete sich
bei den Veranstaltern die Begriffswelt des
Politischen, so daß auch Künstler wie Herman van Veen, Heinz Rudolf Kunze, Ina
Deter, die „1. Allgemeine Verunsicherung“
oder „El Teatro del Arte Flamenco“ umjubelte Gäste waren.
An zwei Höhepunkte der Festivalgeschichte erinnere ich mich besonders gern. Zum
einen an den Auftritt von Pete Seeger im
Februar 1986. Fast zwei Jahrzehnte nach
seinem ersten DDR-Programm in der alten
Sporthalle an der Karl-Marx-Allee rief Pete
mit einer Hootenanny vom Feinsten all das
in Erinnerung, was die amerikanischen
Folk- und Protestsongs einst der Singebewegung und dem von ihr kreierten Festival
in die Wiege gelegt hatten. Der zweite war
die denkwürdige Aufführung des „Canto
General“ unter Leitung von Mikis Theodorakis 1980 im Großen Saal des Palastes der
Republik. Der „Canto“ nach Texten von Pablo Neruda war einst von Präsident Salvador Allende zur Unterstützung der Kämpfer
gegen die faschistische Junta in Griechenland in Auftrag gegeben worden. Nach dem
Putsch in Chile wurde er als Hommage an
den chilenischen Widerstand, aber auch an die zu Grabe getragenen Volksvertreter Salvador Allende und Pablo Neruda in
Theodorakis’ Heimat Griechenland uraufgeführt, wo inzwischen die Junta gestürzt
war. Ideengehalt, Entstehungsgeschichte und ästhetisches Konzept machten die
Berliner Aufführung zu einem umjubelten
Ereignis, und der Erfolg bot Mikis Theodorakis die Gelegenheit, dem DDR-Publikum
viele weitere Teile seines Schaffens vorzustellen.

 

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