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Lesetipp: Kulturstaat DDR (Neuerscheinung) (allgemein)

verfasst von Sarah(R), 01.09.2019, 09:59

Zu ähnlichen Schlußfolgerungen kommt der
Filmkritiker Hans-Günther Dicks, der die Filmgeschichte der DDR skizziert sowie den Umgang
mit den DEFA-Produktionen im kalten Krieg und nach 1990 beleuchtet.
Er wertet die Auszeichnung des Films „Gundermann“ von Andreas Dresen über den DDR-Baggerfahrer und -Liedermacher mit dem deutschen Filmpreis, der „Lola“, am 3. Mai in Berlin als „späte Genugtuung für eine Kinematographie, zu deren Untergang einige Gäste des Galaabends im Palais am Funkturm schon 30 Jahre zuvor unter Krokodilstränen Grabgesänge angestimmt hatten“.
Der Musikwissenschaftler Stefan Amzoll beschreibt
in 14 Miniaturen das „Bauhaus der DDR“, das
trotz äußerst beschränkter Mittel eine „Vorreiterrolle“ gespielt habe, Modelle und Lösungsansätze für Städtebau und Architektur entwarf, „wie wenig sie auch tatsächlich wirksam
wurden“. Widersprüche dieser Art benennt
auch Bruno Flierl. Er weist darauf hin, daß das
DDR-Wohnungsbauprogramm „in ökonomischer Hinsicht eine große Leistung war“ – 40 Jahre lang kostete die Miete ungefähr eine Mark
pro Quadratmeter –, aber die Bevölkerung und
die Architekten „nicht voll zufriedenstellte“. Es
hätte mehr Varianten und „vor allem eine lebendige Aussprache“ geben müssen.
Der Literaturwissenschaftler Kai Köhler untersucht, wie Handbücher, Lexika und Literaturgeschichten mit der DDR umgehen. Sein Fazit:
Es dominiert eine „Politisierung des Urteils“.
Solche Arbeiten, die in heutigen Studiengängen oft als einzige Quelle dienen, kommen „nicht ohne Urteil aus der Siegerperspektive“, d. h. mit
„Geschichtsverfälschungen“, aus. Insgesamt aber
deute sich in der Literaturwissenschaft „nach
einer Phase der Abrechnung mit der DDR besonders in den 90er Jahren, eine Milderung nicht
nur des Tons, sondern auch des Inhalts an“. Ein
weitgehend unbekanntes Gebiet der DDR-Literatur untersucht der Literaturwissenschaftler
Rüdiger Bernhardt: Die Bewegung schreibender
Arbeiter, die von der 1. Bitterfelder Kulturkonferenz einen starken Impuls erhielt und bis 1989
in etwa 250 Zirkeln lebendig blieb. Die Publizistin Sabine Kebir umreißt das Werk der Schriftstellerin Elfriede Brüning (1910–2014), die wie
keine andere Autorin das „Entwicklungsbild
der Frauenemanzipation in der DDR“ analysiert
habe. Der Regisseur Jens Mehrle zeigt in fünf
kurzen, prägnanten Abschnitten, warum das
Theater im sozialistischen Deutschland unbestritten „zu seiner Zeit eines der besten der Welt“
war: Es habe sich ein waches Publikum gebildet
und ein „gemeinsamer Boden für Kämpfe“ existiert. Der Schriftsteller Armin Stolper erinnert
sich ironisch an seinen Werdegang zum Dramaturgen, der Historiker Ludwig Elm schildert die Rolle des Kulturbundes in der DDR.
Die DDR-Kultur ist in vieler Hinsicht lebendig geblieben. Auch das ist ein dialektisches Resultat der Konterrevolution: Sie hat mit ihrer
Niveaulosigkeit, Bilderstürmerei und kalten Bücherverbrennung in gewisser Weise ein ostdeutsches Erfahrungskollektiv von Kunst- und
Literaturinteressierten geschaffen. Das Heft der
„Marxistischen Blätter“ markiert eine Situation,
in der Gehaltvolles auch international gewürdigt wird – und zeigt zugleich: Die Ästhetik einer Gesellschaft des Friedens und der Solidarität gewinnt gerade in Zeiten des Krieges und der Entsolidarisierung an Anziehungskraft.

Quelle: RotFuchs, Ausgabe September 2019, Seite 35

 

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