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Beate(R)

29.09.2018, 09:27
 

Liedermacher & Kabarettist Hannes Stütz zur deutschen Einhei (Gesellschaft)

Hannes Stütz ist Schauspieler, Kabarettist, Liedermacher und Autor. In den 1970er und 80er Jahren war er maßgeblich beteiligt an der erfolgreichen Kulturarbeit der DKP, an der Leitung des "Pläne"-Verlages und an der Organisation von vielen der großen Folkmusik-Festivals in dieser Zeit. Dem "Tag der Deutschen Einheit", der seit der Wende alljährlich am 3. Oktober als Nationalfeiertag mit viel Pomp inszeniert wird, hat er seine "verkürzten Festansprachen" gewidmet. Hannes Stütz hat sie verfasst in den Monaten um die Jahreswende 1989/90, als der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden zusammenkrachte und vom Kapitalismus zurückerobert wurde.

Mit so viel Wut und Bitterkeit, mit einer solchen Verachtung für die Sieger und mit dieser poetischen Kraft ist wohl noch nie um die untergegangene DDR getrauert worden. "Also, das muss ein wichtiger Staat gewesen sein", bemerkt Hannes Stütz im kurzen Einleitungstext zu seinen Gedichten, die er am 7. September 2018 in die Videokamera gesprochen hat.

Die "Festansprachen" erinnern an diesen Staat DDR, der nie einen Krieg führte, in dem die Gleichberechtigung von Männern und Frauen weit vorangeschritten, das Bildungsprivileg der höheren Schichten gebrochen, das Gesundheitssystem vorbildlich, die Preise für Mieten, Urlaub und die Güter des täglichen Bedarfs niedrig und Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit unbekannt waren. Es war - unter schwierigen Bedingungen - gelungen, ein gesellschaftliches System zu errichten, welches das Individuum von der Angst um seine materielle Existenz hat befreien können. Die DDR war bei weitem nicht perfekt; die Reisefreiheit und so manche politischen Freiheiten waren begrenzt. Und in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit konnte die DDR trotz großer Anstrengungen im Konkurrenzkampf mit dem damals prosperierenden Kapitalismus nicht mithalten.

Was aber dann kam - nach der Wende - entwickelte sich schnell zu einer regelrechten Konterrevolution. Der Vereinigung folgte der größte Sozialcrash und der schnellste Bereicherungsfeldzug in der deutschen Geschichte. Von den 145 ehemals volkseigenen Großbetrieben der DDR hat kein einziger überlebt. Insgesamt wurden über 10.000 ehemals volkseigene Betriebe, 465 Staatsgüter, 3,3 Millionen Wohnungen und dazu Verkehrsbetriebe, Banken, Versicherungen und Handelsorganisationen privatisiert, d.h. von der Treuhandanstalt zu Spottpreisen veräußert. Zwei Drittel der industriellen Arbeitsplätze verschwanden. Das "Beitrittsgebiet" wurde umgewandelt in eine Zone mit hoher Arbeitslosigkeit und prekären Lebensbedingungen für viele, und mit wenigen, die unermeßlichen Reichtum aus der Privatisierung schöpfen konnten.

Der Untergang der DDR ging und geht bis heute einher mit einer scharfen Propaganda gegen ihre Errungenschaften. Der "Spiegel" sah in der DRR nichts als einen "Misthaufen der Geschichte", und für die "Welt" war sie sinngemäß die "Tat von Großkriminellen". "Die DDR ist jeden Tag mehrfach in den entsprechenden Medien präsent als SED-Regime, als Hölle auf Erden, als Unrechtsstaat, als mit dem Nazifaschismus an der Macht wesensverwandte zweite deutsche Diktatur." (Ekkehard Lieberam in Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, September 2009) Die Gehirnwäsche ist wohl nicht durchgehend erfolgreich gewesen. Hartnäckig hält sich ein bestimmter Bestand an "Ostalgie", der noch nicht beseitigt werden konnte.

Das letzte Gedicht aus den "Verkürzten Festansprachen" lautet:

Merle. August 1989

Merle, Du bist nicht gekommen,
mit den roten Haaren,
bist nicht durch den Sumpf geschwommen,
hast den Rückfahrtschein genommen
dahin, wo wir waren.

Weiß nicht, ob ich würde bleiben
unter Deinem Himmel,
will Dich nicht ins Elend treiben,
dafür viele Briefe schreiben,
elend im Getümmel.

Werden Dich zu Tanze bitten
tausend fromme Kerle,
hau Dein Knie in ihre Fritten
bis zum Anschlag, schöne,
mit den roten Haaren, Merle.

Die Gedichte in diesem Video stammen aus einem größeren Zyklus, genannt "Gekürzte Festansprachen", die über den folgenden Link auf der Homepage von Hannes Stütz nachgelesen werden können: http://hannes-stuetz.de/?page_id=368

Video von Weltnetz TV:

http://youtu.be/qVlfwvwa6go

Pfeffi(R)

01.10.2018, 22:42

@ Beate

Liedermacher & Kabarettist Hannes Stütz zur deutschen Einhei

Dem kann ich mich nur anschließen. Für mich ist der 3. Oktober kein Feiertag. Ich habe 1990 meine Arbeit im Kulturbereich verloren und hatte seitdem keine feste Stelle mehr, nur befristete Maßnahmen aller Art. 2004 kam mit Schröders Agenda der absolute Absturz. Inzwischen muss ich mit einer schmalen Rente auskommen. Zum leben zu wenig, zum sterben zu viel. Reisefreiheit? Schön wärs, dazu reicht das Geld nicht. Ich sehe mir bei Eurosport Radrennen an, um die Welt zu sehen. Oder Google Street View für Stadtbummel.

Wenn ich Filme über die DDR sehe (Ausnahme Andreas Dresen und ein paar andere Ausnahmen) glaube ich, dass ich gar nicht in der DDR gelebt habe, sondern in einem anderen Land. Offenbar wollten alle nur mit Ballon oder übers Meer ausreisen. Ich habe das anders erlebt. In einem Forum las ich, geschrieben von einem jungen Menschen aus dem Westen: "Warum hat die BRD eigentlich damals nicht die DDR militärisch überfallen, um das Leid der Menschen dort zu beenden?" So etwas Absurdes können Filme anrichten.

Oder etwas humorvoller noch ein Zitat eines Jugendlichen: "Die DDR war so rückständig, da gab es noch nicht mal Smartphones".

Hier mein Tipp zum Thema: Wenzels geniales "Klassentreffen":

https://www.youtube.com/watch?v=C5hq6FdIdq0

wmeyer(R)

02.10.2018, 00:50

@ Pfeffi

Vorsicht vor zu großer Vereinfachung

Lieber Pfeffi,

ich kann Deinen Unmut recht gut nachvollziehen. Denke ich jedenfalls, denn wie es sich wirklich in Deiner Haut anfühlt, weißt nur Du. Wie Dir ging/geht es vielen, zu vielen - aber nicht allen. Sonst hätten wir nicht so viele große PKWs auf den Straßen und Flugzeuge in der Luft - mit Insassen aus den bekannten fünf Bundesländern.

Daß Filme meist nicht das wahre Leben darstellen, ist doch keine Überraschung. Dafür ist doch auch das wahre Leben zu verschieden. Mittendrin und erst recht im Rückblick.

Ob das Leben der Cowboys immer so ablief wie in den (gern gesehenen) Western? Haben die Filme "Ernst Thälmann – Sohn ..." bzw. "... Führer seiner Klasse" erzählt, wie es wirklich war? Was wissen wir Nachkriegskinder wirklich über das wirkliche Leben unserer Eltern? (Hat es uns damals in allen Details überhaupt interessiert?) Hatten wir nach dem Anschauen von Filmen aus der Sowjetunion immer einen zutreffenden Eindruck von den dortigen Lebensbedingungen? Wohl kaum; wahrscheinlich nicht mal bei den wahrhaftigen.

Was die DDR-Erfahrung(en) betrifft: Ja, es hat sie gegeben, die geglückten und mißglückten Fluchtversuche. Und sie werden ihre eigene Dramatik gehabt haben. Und die Leute hatten ihre Gründe, warum sie das Risiko eingingen (ohne das Ausmaß vielleicht immer zu kennen). Nicht meine Baustelle - aber ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, daß Menschen ganz zurecht anders ticken als ich selbst. Die DDR-Staatsgewalt hat auch manchen Mitmenschen ganz übel mitgespielt, wie ich es diesem Land nicht zugetraut hatte. Und wofür ich mich noch heute stellvertretend schäme. (Es gibt da z. B. Gedächtnisprotokolle aus den Tagen vor 29 Jahren - hab gerade keinen Zugriff auf das Buch.)

Und noch etwas zu dem "Klassentreffen" von Wenzel. Ich schätze ihn sehr mit seiner Intellektualität. Aber gerade dieses Lied hat für mich immer einen schalen Beigeschmack. Es hat etwas von Abgrenzung: Ihr seid die Doofen, und nur ich bin der Durchblicker. Könnte ja sein, daß es für seine Schulklasse sogar zutrifft. Und ich kenne auch andere, die sagen: "Klassentreffen? Nie!" Aber was ist das für ein Menschenbild? Ich teile das jedenfalls nicht. Und von Gundi kann ich es mir auch nicht vorstellen.

Um hier nicht nur Groll abzuladen, eine Literaturempfehlung in Sachen Klassentreffen:
Julia Schoch "Schöne Seelen und Komplizen".

Einen insgesamt guten Oktober wünscht allen
Wolfgang

---
Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.
(Hanlons Rasiermesser)

Pfeffi(R)

02.10.2018, 22:49
(editiert von Pfeffi, 02.10.2018, 23:01)

@ wmeyer

Jeder hat seine eigene Sicht

Lieber Wolfgang,
ich gebe dir recht. Jeder Zeitzeuge sieht die DDR und die Zeit danach aus seiner individuellen Sicht.
Ich wollte mit meinen Zeilen vor allem auf die großen Ungerechtigkeiten nach der Wende hinweisen. Hier die einen, die Glück hatten und übernommen wurden, dort die anderen, die "abgewickelt" wurden und trotz aller Bemühungen keinen festen Job fanden. Bei mir war es so, dass ich allein 3 mal nach einer ABM nicht fest eingestellt wurde, weil irgendeine Mitarbeiterin den Antrag zu spät eingereicht hat oder andere Behördenschlamperei vorlag. Oder man sagte mir beim Bewerbungsgespräch: "Wir dürfen dich nicht einstellen, weil du nur einen DDR-Studienabschluss hast. Du musst einen Westabschluss haben" (tolle deutsche EINHEIT). Bei der "Mobilen Jugendarbeit" (befristetes Projekt gegen Extremismus) wurden wir wieder arbeitslos, weil wir zu gut gearbeitet hatten: Die einst radikalen Jugendlichen waren zahm geworden und die Gelder wurden daraufhin gestrichen. Fürs Gundi-Archiv gabs nur Ein-Euro-Jobs u.ä., d.h. nicht mal ein Drittel vom Lohn der Festangestellten bei annähernd gleicher Arbeitszeit und dazu gabs null Rentenpunkte. Und das 10 Jahre lang. In der DDR kannte ich solche bitteren Ungerechtigkeiten nicht. Da gab es annähernd gleiches Geld für gleiche Arbeit. Reich war kaum jemand und bettelarm auch niemand.
Den Song "Klassentreffen" habe ich deshalb empfohlen, weil wir vor kurzem ein Absolvententreffen in Meißen hatten, wo wir feststellten, dass die meisten von uns kein Glück nach der Wende hatten. In der Sächsischen Zeitung vom 7.10.2017 stand im Artikel "Von der Kunst des Überlebens", dass Künstler und Kulturschaffende in Deutschland von allen Berufen am absoluten Ende der Lohnstatistik stehen, meilenweit unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Da bin ich also nicht der einzige.

Und noch mal zu Wenzels "Klassentreffen": Das ist ja eine Satire, die wahrscheinlich nicht der Realität enspricht. Aber ich finde sie großartig, vor allem den stimmungsvollen Refrain "vielleicht wird uns dereinst verziehn, denn wir stammen ja aus dem Unrechtsregime". Ich schätze an Wenzel, dass er sich - genau wie Gundi - immer sehr für die Verlierer der deutschen Einheit engagiert hat.

Beate(R)

06.10.2018, 10:43

@ Pfeffi

Jeder hat seine eigene Sicht

» Lieber Wolfgang,
» ich gebe dir recht. Jeder Zeitzeuge sieht die DDR und die Zeit danach aus
» seiner individuellen Sicht.

Lieber Pfeffi,

Victor Grossman, der sicher auch Dir bekannte große US-amerikanische Publizist, jahrelang Leiter des Paul-Robeson-Archivs der Akademie der Künste der DDR, Autor des 1988 erschienenen Buches "If I Had a Song – Lieder und Sänger der USA" beim Verlag "Lied der Zeit" Berlin (sein jüngerer Sohn betreibt übrigens seit 2005 das Berliner Kino "Babylon"), der seit 1952 ununterbrochen in der DDR lebte, berichtet ebenfalls bei Weltnetz-TV aktuell über seine Gedanken zum 3. Oktober.
Ich finde, er bringt als unmittelbarer Zeitzeuge aus erster Hand in diesem hochinteressanten sehenswerten Interview das Leben in der DDR und danach sehr gut auf den Punkt:

Victor Grossman schildert seine Eindrücke zur Wiedervereinigung aus der Sicht eines US-Amerikaners, der 1952 in die DDR flüchtete.
Victor Grossman, US-Bürger und Jahrgang 1928, erlebte die DDR fast von Anfang an. Aus Angst vor Verfolgung desertierte er als US-Soldat 1952, durchschwamm die Donau und landete an der Spree. Grossman erlebte die in den Kinderschuhen steckende DDR, Ihren Aufbau und ihren allmählichen Untergang. Durch seinen Blick als von außen kommender Sympathisant sah er viele Dinge, die positiven, wie auch die negativen Seiten, die diesen Versuch, einen neuen deutschen Staat frei von Ausbeutung zu schaffen, begleiteten.
Die DDR ist Teil der Geschichte geworden, geblieben ist Grossmans positiv-kritischer Blick auf diesen Staat und die Zuversicht, dass sich ein Kampf für eine friedliche und bessere Welt lohnt.

Hier bei Weltnetz-TV (bzw. bei YouTube) zu sehen:

http://weltnetz.tv/video/1621-gedanken-zum-3-oktober

Sarah(R)

06.10.2018, 15:06

@ Pfeffi

Jeder hat seine eigene Sicht

Hallo Pfeffi,
das von Dir gut und richtig Angesprochene fand ich in diesem Jahr in der Zweiwochenschrift "Ossietzky" (zu DDR-Zeiten "Weltbühne"), Ausgabe 08/2018, als lesenswerten Artikel wieder.
Er beschreibt genau das von Dir Benannte, hier satirisch aufbereitet:
http://www.ossietzky.net/8-2018&textfile=4342

Pfeffi(R)

07.10.2018, 22:09

@ Sarah

Jeder hat seine eigene Sicht

Hallo Sarah,

danke, lesenswerter Artikel!!

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