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Sarah(R)

16.09.2018, 11:23
 

Zeitschrift "Ossietzky" über den Gundermann-Film (Gundermann)

Gundermann

Es gibt einen Sänger, den lieben all diejenigen, die zwischen 1976 und 1989 herum rebellisch, kritisch, selberdenkend waren und eine andere DDR wollten, keinen Westen. Und es lieben ihn all diejenigen, die ab 1989 dann begriffen, dass der Westen sie um die Früchte ihrer systemkritischen Arbeit betrogen hat, denn statt einer besseren Arbeiterrepublik mit mehr Demokratie, bekamen sie eine Gelddiktatur mit weniger Demokratie.

Arbeiter wie Gundermann wurden zu Tausenden an die frische Luft gesetzt. Zehntausende Arbeitsplätze verschwanden, ebenso wie ganze Berufsbilder, und nach Jahren der Schichtarbeit war Mitte der 90er plötzlich Schicht im Schacht. Leute wie Gundermann standen nun als Ungelernte da. Gundermann, der 1998 mit nur 43 Jahren starb, spricht ihnen aus der Seele, drückt ihr Lebensgefühl aus, schafft es, ihre eigenen Gefühle auf besonders poetisch-originelle Weise in Liedern auszudrücken.

Nun hat Andreas Dresen einen Film über Gundermann gedreht. Dresen hatte seine Begeisterung für den DDR-Liedermacher schon früh auch auf befreundete Westdeutsche übertragen können, zum Beispiel auf Axel Prahl, der nun auch im Gundermann-Film mitspielt. Übrigens in einer überzeugenden Rolle: als sein Stasi-Führungsoffizier, der sich hier, wie oft geschehen, als eine Art gütig-akzeptierender, verständnisvoller Ersatzvater, dem vom Vater Verlassenen und vom Vater zu Unrecht lebenslang Beschuldigten aufdrängt und ihm Anerkennung und Stärke zu geben versteht. Diese ermöglicht es, dass sich ausgerechnet der Che-Guevara-Bewunderer, der kommunistische Querdenker und Autoritätskritiker, der nicht eine Spur von Opportunismus an sich hatte, anwerben lässt und eifrig Berichte verfasst. Um Missstände aufzudecken, wie er sagt. Später wird er dann selbst überwacht.

All das ist der eine Schwerpunkt des Dresen-Spielfilms über Gundermann, der andere ist seine langjährig heimlich-traurig-spannungsgeladene Liebe zu Conny, die zunächst mit einem anderen Bandmitglied zusammen ist und erst später seine Frau wird.

Diese beiden inhaltlichen Schwerpunkte aus dem Lebenslauf Gundermanns mögen Gundermann-Fans überraschen, denn für sie ist er vor allem etwas ganz anderes: Er ist eins mit ihnen und ihren Zeiterfahrungen. Sie fühlen sich eins mit seinen Liedern, und die sind eins mit der Zeit.

Für sie ist er der Mann, der träumt und hofft und liebt und kämpft. Er ist einer, der nicht leben konnte ohne seinen 24 Meter hohen Schaufelbagger, und der entlassen wurde wie sie. So wie Zehntausende, wie Millionen, die gedemütigt wurden für einen ganzen Staat, die sich trotz hochqualifizierter Berufe auf dem Arbeitsamt als Ungelernte wiederfanden und sich mühevoll in einen Staat integrieren mussten, den sie nie gewollt hatten.

Gundermann begann nach seiner Entlassung noch eine Tischlerlehre, aber die Arbeitsbedingungen waren ihm unerträglich.

Interessant wird sein, ob es der Dresen-Film »Gundermann« schaffen kann, dass der sensible Arbeiter und Sänger nun auch im westlichen Landesteil wahrgenommen wird, ob es also seine Lieder, der Bericht über sein Leben schaffen können, auch über seine Zeit hinaus ins Heute zu wirken. Politisch hält sich der Film stark zurück, wirkt nur indirekt, indem er die besondere Art der selbst-outenden IM-Enthüllung Gundermanns zu einem der beiden Ausgangspunkte der roten Fäden des Films macht und auch Gundermanns Begründung aus dem Jahr 1995 hineinnimmt, wo er sagt: »Ich sehe mich nicht als Opfer und auch nicht als Täter. Ich habe mich mit der DDR eingelassen – mit wem sonst? – und ich habe ausgeteilt und eingesteckt. Und ich habe gelernt. Deswegen bin ich auf der Welt.«

Hier erleben West- und Ostdeutsche einen anderen IM als den gemeinen Spitzel, den ihnen Konzernpresse und offizielle Geschichtsschreibung so gern seit bald drei Jahrzehnten vorführen.

Liebe und IM-Tätigkeit – ist das genug Stoff, um nicht zu langweilen? Der Film ist vielschichtig und überraschend. Er zeigt, welche ungewöhnliche Persönlichkeit Gerhard Gundermann war, wie faszinierend seine oft von einem melancholischen Unterton geprägten Lieder waren und immer noch sind. Er zeigt, wie seine Auseinandersetzung mit Themen wie Leben und Sterben, seine politischen, umweltspezifischen und sozialen Inhalte, untermalt mit seinen Erfahrungen im beruflichen und privaten Alltag, wie die die Menschen begeistern können. So sehr, dass man ihn einfach lieben muss. Es gibt so Menschen, die liebt man einfach, denn sie tragen ihre Gefühle auf der Zunge und in den Augen, und eigentlich ist jeder so, aber die meisten verbergen es unter dicken Panzern, die sie sich angewöhnt haben gegen den Schmerz.

Unbedingt anschauen und dazu auch bei Buschfunk den Dokumentarfilm von 1999, »Ende der Eisenzeit« von Richard Engel, bestellen.

Anja Röhl

Quelle: Ossietzky, Heft 17/2018, Bemerkungen

http://www.ossietzky.net/17-2018&textfile=4500

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