Sächsische Zeitung Sa, 20. Juni 2009

Bewegender Abschied von Bernd Nitzsche

Von Alfons Förster

300 Trauergäste, darunter Oberbürgermeister Stefan Skora, gaben dem Sänger gestern das letzte Geleit in Kühnicht. Ein Nachruf.

Ralf Benschu Ralf Benschu

Lieber Bernd,

eines Deiner Programme trug den Titel eines unserer Songs: „Ich brauche ein Lied“.

Das sah nicht immer so aus, als Du durch Deine verschiedenen Tätigkeiten in der Kultur davon abgehalten wurdest und, wie Du in Deinem Kurzporträt geschrieben hast, zeitweise „Manager“ der Brigade Feuerstein wurdest. Manager, ein böses kapitalistisches Wort, das man in Gegenwart Deines späteren Freundes Gerhard Gundermann besser nicht aussprach. Dabei hatte die Gruppe einen solchen dringend nötig – und (um bei der Gruppe zu bleiben, die für die meisten von uns nicht nur eine Freizeitbeschäftigung, sondern, wie wir früher ahnten und heute wissen, Lebensmaxime und -erfüllung war und uns noch 20 Jahre danach aneinander bindet) Du hast mit und in ihr die berufliche Pflicht mit dem Angenehmen verbinden können. Es waren Jahre, die für mehrere Leben gereicht hätten.

In unseren häufigen Diskussionen um Richtungen, Texte, Musik und Organisatorisches konntest Du andere Standpunkte akzeptieren, ohne zermürbende Kämpfe um Sieg oder Niederlage auszufechten; um vielleicht – diplomatisch geschickt – in günstigerer Konstellation wieder auf Deine Idee, Deine Ansicht zurückzukommen. Wir alle waren häufiger einer Meinung als wir es nicht waren. Das ist die entscheidende Bilanz.

Und Du konntest kämpfen; unauffällig, aber zäh. Einen ganzen Aktenordner füllten Deine Bemühungen – Anträge, Begründungen, Ablehnungen, Befürwortungen und letztlich die Genehmigung –, um einen Bus für die Brigade Feuerstein zu besorgen, der die Mannschaft und die tonnenschwere Anlage sicher zum Spielort brachte. Wir wurden damit in den 80ern zur einzigen Amateurgruppe der DDR, die über einen Bus verfügen durfte: Vorbei die elenden Zeiten der hängerbestückten Wagenkolonnen aus dem Kfz.-Museum, wo regelmäßig mindestens ein Auto kaputt ging und wir mit bis an die Ellenbogen ölverschmierten Armen am Auftrittsort ankamen. Wie oft standen wir in der Grube Deiner Garage, um die Bilanz zwischen Fahrzeiten und Reparaturstillstand meiner jeweiligen Autos aufzubessern.

Es gab Situationen, da hätte unser Leben früh enden können.

1980, Autobahn bei Oranienburg, als die Antriebe Deines Trabis blockierten und ich mit meinem russischen Moskwitsch nur Zentimeter an dem aus der Spur und in Sekunden von Hundert auf Null geratenen Fahrzeug vorbeischoss – oder als mich am Schönefelder Kreuz mein Hinterrad überholte und der vom Optiker Böhm geborgte Pferde-Hänger durch das Gewicht der Anlage Stabilität brachte, als schon alles verloren schien ...

Du hast selten etwas geschrieben. „Enfant perdu“ heißt ein Text aus der Mitte der 80er-Jahre, zu dem Du die Vorlage geliefert hast. Auf solch verlorenem Posten hast Du Dich manchmal gefühlt in Auseinandersetzungen mit Leuten, die die DDR für den besten Staat der Welt hielten – oder für den schlechtesten.

Es war für mich nicht immer erkennbar, vor allen in den Zeiten, als unser Kontakt gering war, was Dein Antrieb war, Deine Motivation, zurückzufinden zu Deinem Grundbedürfnis – dem Singen von Liedern. Ich denke, es war Menschenliebe im besten Sinne. Resignation oder Zynismus wären andere Lösungen gewesen. Aber nicht Deine. Und so hast Du weitergeführt, was Du lange vor der „Brigade Feuerstein“ begonnen hattest, quasi als Dienstältester der Hoyerswerdaer Singeszene, der Hoywoy treu geblieben ist.

In der vorletzten Nacht, die Dir vergönnt war, hast Du plötzlich angefangen zu singen. Mit den verbliebenen, zusehends schwindenden Kräften. Die Lieder, die Dir so wichtig waren. Vielleicht „Balkon der Nächte“, „Schwarze Galeere“ und „Keine Zeit mehr“ ... Dann sagtest Du: „So, das war’s“. Am nächsten Morgen bist Du gegangen. Bernd, das war’s nicht! Der Feuerstein glimmt weiter.

Einer Deiner Freunde sagte mir am Telefon: „Gundi holt sich wohl seine Truppe wieder zusammen.“ Nein, das tut er nicht. Der Tod holt sich nicht unsere Besten. Er ist interessen- und wahllos. Er belohnt nicht und er bestraft nicht. Er nimmt, was er kriegt. Dass es die Besten zu sein scheinen, liegt daran, dass wir einige von ihnen kannten. Mach’s gut, Bernd!

Unser Autor Alfons Förster ist Mitglied der Brigade Feuerstein


siehe auch:
Nachricht vom Tod Bernd Nitzsches

letzte Änderung: 2009-06-27T02:32+0200