Wir feiern nochn Fest von Lutz Kirschner

Aus Gundermanns leicht melancholischem Erinnerungs- und Abschiedslied „Brunhilde“ hatten wir diesmal unser Motto entnommen, und es auch gewählt, weil wir wohl zum letzten Mal im Kulturhaus Peter Edel zu Gast waren. Das Kulturamt Pankow wird Ende 2007 seine kommunale Trägerschaft beenden, die Zukunft des Hauses ist ungewiss. Der Oktober bot dann noch einige Highlights, darunter zwischen Konzerten von Lift und Monokel die neunte Auflage der Gundermann-Party. Sechs davon fanden im Peter Edel statt, die erste im November 1999.

Wie zur Party 2006 war auch diesmal das Haus voll, die ca. 260 Besucher feierten ihr Fest mit Liedern, Filmen und Gesprächen. Für viele Gundermann-Fans kam noch Erinnerung und Trauer hinzu: Nils Floreck, der den Auftakt der Party zusammen mit Gunnar Bittersmann gestalten wollte, war am Vortag nach langer, schweren Krankheit verstorben. Heide von Halász las die von Nils ausgewählten Gundermann-Texte.

Mit dem Film „Neuland“ knüpften wir an die Thematik der vorjährigen Gesprächsrunde mit Daniela Dahn und Rainer Land an. Ging es damals um die Studie „Zur Lage in Ostdeutschland“, behandelt der Film die problematische Situation in den ländlichen Regionen und stellt Beispiele für Projekte vor, die auf neuen Wegen ökonomische und soziale Zukunftsfähigkeit gewinnen wollen. Im Gespräch mit Sören Marotz hob der Regisseur Holger Lauinger hervor, dass gegen Schrumpfung und Abwanderung insbesondere die Reorganisation lokaler Wertschöpfung durch kreative örtliche Akteure wichtig ist. Für die im Film behandelten Ansätze zu neuen Arbeits- und Lebensweisen konstatierte er nach wie vor einen Zustand von Experiment und Suche: das Neuland sei erst noch zu gewinnen.

Einer anderen aktuellen Debatte wandte sich die Diskussion zum gewaltfreien Widerstand zu. Daniel Korth von der Zeitung Graswurzelrevolution berichtete über eigene Aktivitäten z.B. im Wendland gegen die Castor-Transporte. Bezogen auf die ethischen Grundlagen des gewaltfreien Widerstands stellt er heraus, dass diese Protestform im Gegenüber der jeweiligen Auseinandersetzung nicht den Feind sehe, den es zu besiegen gelte, sondern den Menschen, an dessen Lernfähigkeit und Humanität appelliert werde. Dieser Appell werde gerade dadurch stark und überzeugend, dass man bewusst Nachteile in Kauf nehme. In der Diskussion wurde u.a. darauf eingegangen, dass zu Aktionen gewaltfreien Widerstands eine entsprechende Vorbereitung gehört, bei der man sich darüber verständigt, wie man mit Ängsten umgehen wird und wie viel an Repression und Sanktion man hinzunehmen bereit ist. Auch die neue Dimension öffentlicher Wirkung gewaltfreien Widerstands in den G8-Protesten wurde angesprochen. Im Ganzen hat die Diskussionsrunde den ca. 30 bis 40 Beteiligten zu einigen Kenntnissen über Sinn und Inhalt dieser spezifischen Form politischer Aktivität verholfen, von hier bis zu eigenen Erfahrungen dürfte es aber noch ein längerer Weg sein.

Musikalisch hatte die Party einiges zu bieten. Gunnar Bittersmann mit Gundermann-Interpretationen zum Auftakt, zeitweilig unterstützt von Jörg Bogadtke. Dann im kleinen Saal das mit sehr viel Beifall bedachte Programm der Gruppe kiltyfanad: irische und keltische Vokalmusik und Lieder von Gundermann zu Gitarre, Flöte und Violine. Und als Höhepunkt und Abschluss „Die Unbestechlichen“ aus Oranienburg mit eigenen Rocktiteln und Songs von Rio Reiser und Gundi. Freilich war für einige Besucher die Musik zu laut, der Nebel unnötig und brachte die Band zu wenige Gundermann-Lieder. Auch mehr Textverständlichkeit wäre wohl gut gewesen. Überzeugend und alle berührend jedoch war der Abschluss ihres Auftritts – nachdem die Band in Großformation zugeschlagen hatte, reduzierte sie die Besetzung mehr und mehr, so dass am Ende Gundi-Lieder solistisch vorgetragen wurden und so noch einmal Nachdenklichkeit und Besinnung erzeugten. Ein schöner Abschluss eines schönen Festes.

Die nächsten Partys sollen in Dresden und Tübingen sein. Dann wird es auch wieder das geben, was hier nur noch aufgezählt werden kann: die wirklich tolle Ausgestaltung der Räume – man sieht es auf den Fotos –, Gundermann-Filmschnipsel, einen Stand mit CDs, Texte von und über Gundermann. Vor allem aber die etwa 15 Leute vom Verein, die die Party seit Monaten organisiert hatten und seit dem Vormittag des 27. Oktobers vorbereiteten. Der Haustechniker jedenfalls war beeindruckt: „So viele Leute, die etwas für die Veranstaltung tun, das gab’s hier noch nie.“ Und wenn’s das Kulturhaus Peter Edel nicht mehr gibt, werden wir für die Gundermann-Party in Berlin ein neues Obdach finden. Versprochen.

 

 

 

 

letzte Änderung: 2008-12-17T13:28+0100