Kolloquium „Härter als der Rest. Gerhard Gundermann zum 50. Geburtstag“

Bericht von Lutz Kirschner mit Jörg Hauswald und Wolfgang Meyer


Foto: Sören Marotz

19.02.2005 – Rosa-Luxenburg-Stiftung in Berlin. Gundermanns Seilschaft e.V. und die Stiftung hatten zum Kolloquium anläßlich des 50. Geburtstages von Gerhard Gundermann eingeladen. Es war wohl die erste Veranstaltung überhaupt, auf der sich künstlerisch-politische Weggefährten und Wissenschaftler gemeinsam und öffentlich zu Gundermann äußerten. Aus Platzgründen wurde im Vorfeld eine Teilnehmerzahl avisiert, die um die 60 Personen lag, und wir waren uns zunächst nicht sicher, ob diese Anzahl überhaupt erreichbar sei. Der Veranstaltungstag zeigte jedoch, daß solche Bedenken nicht am Platze waren. Mehr als hundert Leute, Beitragende und Besucher, waren anwesend, darunter auch einige derjenigen, die zu Gundermanns unmittelbarem persönlichen und intellektuellem Umfeld gehörten: Conny Gundermann, Richard Engel, Katrin Hagemann und Siegfried Frister.


Foto: Steffen Schipke

Die Beitragenden waren mit Bedacht angesprochen worden – es waren Künstler und Wissenschaftler, die Gundermann kannten und mit ihm zeitweilig zusammengearbeitet und/oder sich intensiv mit ihm und seiner Kunst befaßt hatten. Insofern erwarteten wir gute Vorträge; daß sie dann so inhaltsreich und vielfältig ausfielen, war besonders erfreulich. Sicherlich hat das auch etwas mit der „Qualität des Gegenstandes“ Gundermann zu tun, darüber hinaus zeugt es aber auch von der intensiven Auseinandersetzung der Beitragenden mit den Problemen der heutigen Zeit.

Bernd Rump befaßte sich mit Gundermanns Rocktitel „Krieg“ als Beschreibung der Veränderungen sozialer Auseinandersetzung vom Ost-West-Konflikt der 50er Jahre bis zur Gegenwart: Gundermann als militanter Kämpfer. Dem Gundermann, dem die Heldenbilder abhanden gekommen waren, der Ohnmacht erfuhr, ohne in Selbstmitleid und Resignation zu verfallen. Dem trotzigen Melancholiker widmete sich der Beitrag von Birgit Dahlke. Daß er mit poetischer Kraft sein Scheitern, seine Enttäuschung und sein erneutes Versuchen dem Publikum mitteilte – mit dem Publikum teilte –, erklärt seine Anziehungskraft auch für die jetzt aufwachsenden Generationen. Paul Bartsch, Germanist, Liedermacher und Rocksänger aus Halle, befragte die Gundermannschen Texte nach ihren „poetischen Seilschaften“ und arbeitete typische Metaphern und Bilderfamilien heraus. Über seine Gundermann-Erfahrungen berichtete der Schlagzeuger Delle Kriese, der u.a. beim Programm „Erinnerung an die Zukunft“ und bei den Wilderern getrommelt hatte: Gundermann war nicht „nett“, er bestach durch sein Wissen und Wollen, durch seine persönliche Integrität im Zustand von Heimatlosigkeit und kluger Trauer.

Die diesen Beiträgen folgende Diskussion versuchte insbesondere, den Begriff der Melancholie so zu fassen, daß er dem Inhalt und Gestus der Gundermannschen Lieder Mitte der 90er Jahre gerecht werden kann und nutzbar wird zur Beschreibung einer produktiven Haltung gegenüber Gegenwartsproblemen.

Nach der Pause sprach Ulrich Burchert vom gemeinsamen Antrieb von Lieder- und Bildermachern, mittels Kunst zur Vermenschlichung beizutragen. Er zeigte eine Auswahl seiner bis 1980 entstandenen Gundermann-Fotografien und präsentierte zu Worten aus Liedern Gundermanns ausdrucksstarke Bilder. In seinem Beitrag „Vielleicht sind wir alle bloß einer“ resümierte Henry-Martin Klemt, was ihn an Gundermann fasziniert und bindet, unter Aufnahme von Textsequenzen Gundermanns und mit Bezügen zu Benjamin, Kleist und dem gestrigen und heutigen „Kaltland“ – ein schon literarisches Kleinod. Anhand von drei coolen Sätzen erinnerte sich Stefan Körbel Gundermanns und ermöglichte so einen unkonventionellen wie tiefen Einblick in dessen (und seine) Gedankenwelt. Darauf, daß Gundermann frühzeitig dem nunmehr massenhaften Abschied aus dem industriegesellschaftlich geprägten Arbeits- und Lebenszusammenhang künstlerische Gestalt gab, verwies Simone Hain. In seinen Liedern und Texten sind Anstöße zum verantwortungsbewußten Umgang mit dieser gesellschaftlichen und individuellen Problemsituation zu finden, die es beim „Loslassen von der Industrie“ aufzunehmen gelte. Das frühe Gundermann-Lied „Sklaven“ war Klaus-Peter Schwarz Anlaß, ausgehend von Spartacus die auf Dauer gestellte Aufgabe der Auseinandersetzung mit Verhältnissen der Unterdrückung und Entrechtung hervorzuheben.


Foto: Steffen Schipke

In der Abschlußdiskussion wurden einzelne Thesen der Beitragenden kritisch hinterfragt. Beispielsweise verwies Richard Engel darauf, daß eine schematische Trennung in den Gundermann der DDR- und den der Nach-Wende-Zeit den nicht nur untergründigen Kontinuitäten seines Schaffens nicht gerecht werde, und Wolf-Dietrich Junghanns sah als eigentliche Leistung des Liedermachers und Rocksängers dessen Verabschiedung aller Heldenhaftigkeit. Mehrmals wurde die Spezifik künstlerischer Wirklichkeitserfahrung gegenüber einer wissenschaftlichen oder politischen betont, auch die damit gegebene eigenständige Wirksamkeitsmöglichkeit – Gedanken, die auch in den abschließenden Statements der Beitragenden aufgenommen wurden.

Wie uns viele Besucher bestätigten: Das Kolloquium war ein außerordentlich anregendes nicht-konzertantes Gundermann-Erlebnis. Als Ergänzung gab es zum Schauen die von unserem Verein geförderte Ausstellung zu den „Feuersteinen“ von Simone Hain und Marc Johne, zum Mitnehmen und Nachlesen Texte von und zu Gundi und zur Begleitung über’s Jahr den Kalenderalmanach 2005. Die schöne Atmosphäre bot vielen die Möglichkeit, alte Kontakte zu ehemaligen Mitstreitern wieder aufzufrischen oder neue zu knüpfen.


Foto: Sören Marotz

Das Wortprotokoll des Kolloquiums wird demnächst auf unserer Website zugänglich sein. Wir wollen zudem eine Veröffentlichung der Beiträge in gedruckter Form ermöglichen. Einen kleinen Stimmungseinblick bieten die Fotos von Sören Marotz und Steffen Schipke in der Bildergalerie.

siehe auch:

letzte Änderung: 2008-12-17T13:28+0100