das war mein zweitbester sommer

7. Gundermann-Party, Moritzbastei Leipzig, 25.11.2005 von Jörg Hauswald

Nicht weil wir uns im Jahr des 50. Geburtstages von Gerhard Gundermann befinden, stand diesmal etwas mehr auf unserem Party-Plakat, sondern weil das Angebot so reichhaltig war …


Foto: Sören Marotz

Den erweiterten Auftakt bildete die Theatergruppe der Kulturfabrik Hoyerswerda. Sie hatte es sich nach einem hervorragenden Gastspiel in Halle am Vormittag nicht nehmen lassen, am Nachmittag im Oberkeller der Moritzbastei zu Leipzig einzureiten und die vorläufig letzte „Malvina“-Vorstellung des Jahres 2005 zu geben. Zwar waren unter den ca. 60 Gästen nur 4 oder 5 Kinder, aber auch die Erwachsenen hatten keine Chance, der frisch aufspielenden Truppe zu widerstehen und dankten ihr zum Schluss mit lang anhaltendem Beifall. Jemanden aus dem Kreis der Darsteller hervorzuheben, ist kaum möglich: Die Malvina-Truppe zeigte das Stück in einer reifen schauspielerischen und musikalischen Leistung. Bereits das Erscheinen der Alfa-Zalfa bescherte uns am Vormittag ein weinendes Kind, so echt wirkte sie.


Foto: Steffen Schipke

Bedingt durch den Auf- und Abbau für die Malvina-Aufführung kamen der gesamte Soundcheck und der Start für den Abend ins Rutschen. Den Auftakt bildete dann 20.45 Uhr Ralf Schüller & Band. Ralf ist seit 15 Jahren Leipziger, hat hier Malerei und Grafik studiert und schon früher in verschieden Bandprojekten gespielt. Seit 2003 war er solistisch bergauf und -ab unterwegs. Er hat bekanntlich einiges mit Gundi gemeinsam. Er ist gebürtiger Thüringer und hat auch schon zwei Monate am großen Bagger im Tagebau Regis Breitingen gearbeitet (unten an der großen Kette). Und so sind auch seine Songs – kraftvoll und trotzig, wenn es um Alltagsstress wie die oftmals seltsamen Fernsehgewohnheiten und den deutlichen Rechtsruck in unserer Gesellschaft geht, verspielt und leise, geht’s um seine Liebe. Wer den Preisträger der Hoyschrecke 2004 schon solistisch gehört hat, war positiv überrascht über die musikalische Verwandlung dank der Verstärkung durch Burghart Dersch (p) und Thomas Laukel (dr). Ihre teils gefühlvollen, teils jazzig-kräftigen Unterstützungen der Titel bildeten eine gekonnte Harmonie mit den Texten von Ralf.


Foto: Steffen Schipke

Die Aufteilung des Abends war ja nicht ganz einfach, da mit dem Beginn von Ralf gleichzeitig als Veranstaltungsangebot der Dokfilm „neueWUT“ von Martin Keßler zu den Hartz IV-Protesten des Jahres 2004 anlief, gefolgt von einer Gesprächsrunde zum Thema „Bilanz der Politisierung: Erfahrungen – Ergebnisse – Probleme“. Aber Befürchtungen, dass die parallelen Angebote einander zu sehr stören oder wechselseitig Aufmerksamkeit abziehen könnten, waren unbegründet. Insbesondere die Diskussion mit Lutz Helm (Attac Leipzig) und Enrico Stange (WASG Sachsen) war anregend und interessant. Mit Tobin-Steuer, Grundeinkommen und Mindestlohn umrissen sie einige Eckpunkte alternativer Gesellschaftsentwicklung und betonten die Bedeutung der aktuellen linken Parteiformierung. Zur Einstimmung auf den Themenbereich nutzten viele Besucher die in der Stufenpassage präsentierte Fotoausstellung „Protest 2004“ von Ute Donner.


Foto: Steffen Schipke

Ein voller Erfolg wurde dann auch der Auftritt von Hans Eisentraut, dem Leipziger Urblut, nicht nur wegen seiner Fangemeinde, die zahlreich erschienen war. Mit kraftvoller Stimme hat sich der ehemalige reine Songschreiber, durch Gundis Tod zum Singen von dessen und dann zunehmend eigener Lieder angeregt, zu einem Liedermacher mit eigenem Stil entwickelt. Derzeit überlegt er, ob vielleicht für etliche seiner Lieder eine Bandbesetzung nicht besser geeignet wäre. Der Versuch mittels Halbplayback war zwar bei seinen zwei letzten Songs noch nicht ganz geglückt, aber ich glaube, dies tat diesem Abend keinen Abbruch – alle waren sich des Experiments bewusst.


Foto: Steffen Schipke

Wie kurz Umbaupausen sein können, wenn ein guter Techniker und die entsprechenden Musiker vor Ort sind, haben an diesem Abend alle Künstler bewiesen. Bis zum Auftritt von Bernd Nitzsche & Freunden war die Verspätung halbiert, und es begann ein rockiges Gundermann-Konzert bis weit nach Mitternacht. Hierbei schieden sich natürlich die Geister. Einigen war es zu laut, anderen gerade recht. Dem Einen schaukelte sich der Bass zu sehr hoch und er verfluchte den Techniker, andere konnten nicht nah genug an den Boxen sein. Das Spektrum der Meinungen ist vielfältig, aber einen gemeinsamen Nenner haben trotzdem fast alle: Ein gelungener Abend mit sehr guter Musik, Experimenten, einem zum Nachdenken anregenden Dokfilm und einer interessanten Diskussion. Eigentlich nur schade, dass nicht noch mehr Leipziger den Weg in den Keller gefunden hatten.

letzte Änderung: 2008-12-17T13:27+0100